| Vegetarier-Bund
Deutschlands e.V. |
Ernährung • Gesundheit • Lebenserwartung
Eine Zusammenstellung der Studien
der Universität
Gießen
des Krebsforschungszentrums
Heidelberg
des Bundesgesundheitsamtes
Berlin
herausgegeben vom
![]() |
Vegetarier-Bund Deutschlands e.V.
Blumenstr. 3 30159 Hannover Tel. 0511 / 363 20 50 Fax: 0511 / 363 20 07 Internet: www.vegetarierbund.de eMail: info@vegetarierbund.de |
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Einführung, Vegetarierbund
Das
Gesamturteil der Wissenschaftler kann man wie folgt zusammenfassen
Studie
der Universität Gießen
Institut für Ernährungswissenschaft
Ernährung und Gesundheit von Vegetariern*(
* mit freundlicher Unterstützung der Eden-Stiftung,
Bad Soden)
Studie
des Deutschen Krebsforschungszentrums, Heidelberg
Institut für Dokumentation, Information
und Statistik, Abteilung Epidemiologie
Prospektive epidemiologische Studie bei Vegetariern
Vegetarier-Studie
des Bundesgesundheitsamtes in Berlin
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Einführung
Drei große, unabhängig voneinander durchgeführte Studienarbeiten zur Untersuchung der Vor- und Nachteile vegetarischer Lebensweisen wurden in Berlin, Heidelberg und Gießen durchgeführt.
Die Auswertungsarbeiten dauerten mehrere Jahre. Nun werden Abschluß- bzw. Zwischenberichte vorgelegt, die wir mit ihren wesentlichen Inhalten in dieser Broschüre vorstellen wollen. Auch eine englische Übersetzung ist vorgesehen, um diese wissenschaftlichen Arbeiten im internationalen Raum bekannt zu machen. Dadurch sollen weitere nationale Studien in anderen Ländern angeregt werden. Ein Austausch der gewonnenen Erkenntnisse kann für weitere Betrachtungen nützlich werden.
Die für Vegetarier überaus positiv ausgefallenen Ergebnisse der Studien sind geeignet, die Mitbürger anzuregen, den gegebenen Ratschlägen für ein besseres Ernährungsverhalten zu folgen. Das kann ein wesentlicher Beitrag zur eigenen Gesundheit werden, aber auch dazu beitragen, die in erschreckendem Maße zunehmende Zahl der ernährungsbedingten Erkrankungen zu verringern.
Durch diese Vorsorgemaßnahmen des Einzelnen wird ein wichtiger Schritt getan zur Reduzierung der Kosten im Gesundheitswesen, zur Verbesserung der Welternährungslage und zum Schütze der Tiere.
Wissenschaftliche Aussagen bei dieser geringen Zahl von befragten und untersuchten Menschen haben natürlich einen begrenzten Aussagewert. Einerseits sind für den Wissenschaftler die Beobachtungszeiträume zu kurz, andererseits ist gerade in den letzten 5 Jahren ein deutlich geändertes Bewußtsein und Verhalten der Menschen in Bezug auf Gesundheit und Ernährung zu bemerken. Werden daher einige Ausgangswerte (zum Positiven hin) verändert sein, so wird auch die Vielzahl der so sehr verschiedenen Ausgangspositionen bei den einzelnen Menschen und die bei ihnen möglicherweise aufgetretenen Veränderungen (im sozialen Bereich o.a.) die Aussage bringen, daß jede Studie nur Mittelwerte liefern und Richtwerte geben kann. Dieses ist aber schon sehr viel. In Verbindung mit diesen Ergebnissen und mit den in der Heidelberger Studie erwähnten positiven Ergebnissen der Studien in den USA (an Adventisten) und mit den generationenlangen Erfahrungen vieler Vegetarier, sind Empfehlungen möglich, die Ärzten(innen), Diätassistenten(innen), Küchenleitern(innen) und anderen in der Krankenpflege und im Gesundheitswesen Tätigen mehr Sicherheit als bisher bei der Beurteilung des Wertes fleischfreier Ernährung geben können.
Auch manche Vegetarier werden aus den Ergebnissen lernen können, daß einiges an ihrer Lebensweise noch verbessert werden kann. Die Auswertungen und die weiterführenden Untersuchungen der Berliner und der Heidelberger Studien werden mit Sicherheit einiges bewirken können.
Langzeitstudien mit einer größeren Zahl von Teilnehmern aus allen sozialen Schichten, möglichst nach dem „matched pair"-Verfahren* (* matched pair — an Alter, Gewicht, Beruf, Lebensweise usw. möglichst vergleichbare Gruppen von Vegetariern und Nichtvegetariern.), wie dieses bei der Berliner Studie des Bundesgesundheitsamtes angewandt wird, sind dringend zu empfehlen.
Neben der so dringend notwendigen Senkung der Kosten im Gesundheitswesen ist darauf hinzuweisen, daß bereits zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts die Weltbevölkerung so angewachsen sein wird, daß tierisches Eiweiß nicht mehr im ausreichenden Maße zur Verfügung steht. Zwingend werden daher spätestens dann die vorhandenen landwirtschaftlichen Flächen zur Erzeugung von Pflanzennahrung genutzt werden müssen. Vor diesem ernsten Hintergrund sehen wir in erster Linie die Bedeutung der vorgelegten Studien.
Wir danken allen, die an diesen Studien mitgearbeitet haben, recht herzlich - sowohl den Wissenschaftlern, als auch den Teilnehmern, die ihre ganz persönlichen Erfahrungen zum Wohle vieler anderer eingebracht haben.
Nahezu übereinstimmend sind die drei wissenschaftlichen Studien in der Aussage über die bei den Vegetariern festgestellten günstigeren Werte in Bezug auf Blutdruck, Körpergewicht und Krankheitshäufigkeit. Die Heidelberger Studie bescheinigt den Vegetariern eine höhere Lebenserwartung und eine geringere Anfälligkeit gegen Krebs.
Die Gesamtcholesterinwerte liegen unter den Normalwerten, bei Veganern liegen sie deutlich darunter.
Bei den Veganern wird eine leichte Unterversorgung mit dem wichtigen Vitamin B12 beobachtet. Prof. Rottka empfiehlt daher eine entsprechende Vorsicht bei dieser strengen vegetarischen Lebensführung. Er räumt aber ein, daß gesundheitliche Störungen durch diese von der „Norm" abweichenden B12-Werte praktisch nicht festgestellt wurden. (Weder in der Literatur noch bei der Berliner Studie* (*aus einem Vortrag von Prof. Rottka in Zürich (Neue Zürcher Zeitung))).
Die bessere Bewertung der Vegetarier bei den vergleichenden Studien ist natürlich nicht nur auf die besonderen Verzehrsgewohnheiten, sondern mit Sicherheit auch auf das besondere Gesundheitsverhalten zurückzuführen. Nur wenige Vegetarier trinken Alkohol, noch weniger rauchen. Auf Kaffee und Tee wird häufig verzichtet und anstelle dessen Kräutertee oder Mineralwasser getrunken. Zucker wird selten verwendet.
Bei den Befragten überwiegen die gesundheitlichen Gründe gegenüber den ethisch-religiösen Gründen (i.M. der Studien 74% zu 70% bei Mehrfachnennungen).
Die Studien geben eine unterschiedliche Aussage über die Zahl der Vegetarier in Deutschland (0,8% GFK - 9,1% Infas). Eine neue Umfrage mit präziser Fragestellung könnte genauere Werte ergeben. Die Entwicklung zeigt eine zunehmende Tendenz. Wichtig scheint uns der Hinweis, daß nur ein geringer Teil der vegetarisch lebenden Menschen in Vereinen organisiert ist (ca. 10.000).
Der Anteil der Veganer (strengen Vegetarier) wird in den Studien mit 7.8% (Mittelwert aus zwei Studien) angegeben. Die Lacto-Vegetarier bilden eine Gruppe von 28.7%, während die Ovo-Lacto-Vegetarier mit 53% den größten Anteil stellen.
Eine wichtige Voraussetzung zum Vergleich künftiger Studien sollte die international übliche Aufteilung der Vegetarier in Veganer (ohne jedes tierische Eiweiß lebend), Lacto-Vegetarier(nichts vom getöteten Tier. Milch und Milchprodukte aber einschließend) und Ovo-Lacto-Vegetarier (zusätzlich Eier im Ernährungsplan) werden, anstelle der zum Teil verwendeten Begriffe „strenger" bzw. „weniger strenger Vegetarier".
Das Gesamturteil der Wissenschaftler kann man wie folgt zusammenfassen:
- Keine Mangelerscheinungen
- Vegetarische
Ernährung geeignet und empfehlenswert
- Gesundheitszustand
bemerkenswert gut
Die umfangreichen positiven Presseberichte sprechen von "WICHTIGEN PLÄDOYERS" für die Vegetarier.
Bei diesen wohlwollenden Beurteilungen ist es verständlich, daß sich die Vegetarier, nach einer langen Zeit kritischer Betrachtung, über diese Anerkennung ihrer Lebensweise freuen. Wir wollen daher diesen ersten wissenschaftlichen Arbeiten in Deutschland große Beachtung schenken.
Die Anerkennung der Bedeutung gesunder Lebensweisen durch Mediziner und Wissenschaftler wird die Entwicklung von Erfahrungsheilkunde und Erfahrungsmedizin fördern helfen.
Zu wünschen ist. daß die Erkenntnisse dieser Studien Beachtung bei allen für die Gesundheit unserer Bevölkerung Verantwortlichen finden. Das gilt sowohl für unsere Behörden und für die Nahrungsmittelindustrie als auch für die Ausbildung und gesundheitliche Aufklärung in den Schulen und im Gaststättengewerbe. Mehr als bisher sollten Kantinen und Gaststätten vegetarische Gerichte anbieten. FREIE KOSTWAHL IST MENSCHENRECHT** (**Prof. Brockhaus) auch in Krankenhäusern, im Zivildienst, bei der Bundeswehr und in Haftanstalten.
Moderne Menschen haben eine zeitgemäße Ernährungsform zu finden, welche die Gesundheit fördert und erhält. Bei der notwendigen Begrenzung der Auswahl aus dem unübersehbaren Lebens- und Nahrungsmittelangebot kann die vegetarische Ernährungsform die Freude am Essen und am Leben steigern.
Auch bei sehr unterschiedlichen Ernährungsformen
kann dieses Verhalten ein kleiner Beitrag dazu sein, mit den Schätzen unserer
Erde sorgsam und verantwortungsvoll umzugehen.
in EHRFURCHT VOR DEM LEBEN
Rudolf Meyer (jetziger Vorsitzender,
Jahr 2000: Thomas Schönberger)
Vegetarier-Bund Deutschlands e.V.
Vorsitzender
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Claus Leitzmann, Rosa Schönhöfer-Rempt,
Marianne Boy, Ortrun Schneider
Institut für Ernährungswissenschaft
der Universität Gießen
Ernährung und Gesundheit von Vegetariern
Die Gießener Vegetarier-Studie
Zielsetzung
Stichprobenauswahl
Rahmendaten
Ernährungsverhalten
Gesundheitsverhalten
Biochemische Parameter
Die gegenwärtige Ernährungssituation in der Bundesrepublik Deutschland ist durch eine zu hohe Nahrungsenergiezufuhr gekennzeichnet, gleichzeitig liegt die Versorgung mit einigen Vitaminen und Spurenelementen unterhalb der Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Die DGE empfiehlt eine Reduktion des Fett- und Zuckerverzehrs sowie eine Erhöhung der Aufnahme komplexer Kohlenhydrate, inklusive der Ballaststoffe. Da vegetarische Ernährung diese Forderungen weitgehend beinhaltet, aber für den europäischen Raum nur wenige Daten über die Ernährung dieser Bevölkerungsgruppe vorliegen, wird seit 1983 am Institut für Ernährungswissenschaft in Gießen eine Studie über Ernährung und Gesundheit von Vegetariern durchgeführt.
Ziel der Studie ist es, Ernährungsgewohnheiten von Vegetariern zu dokumentieren sowie zu überprüfen, wie sich dieses Ernährungsverhalten auf die Gesundheit auswirkt. Des weiteren wird untersucht, über welche theoretischen Grundlagen der vegetarischen Ernährung die Befragten verfügen und welche Bedeutung den einzelnen Kostformen bei der Lebensmittelauswahl zukommt. Bei der Bestimmung der Blutparameter liegt der Schwerpunkt bei den verschiedenen Lipidfraktionen. Darüber hinaus wurden Glucose, Harnsäure, Eisen und Hämoglobin bestimmt.
Nach Aufrufen im Mai und Juni 1983 im Neuform-Kurier und einem Rundschreiben des Vegetarier-Bundes an die Abonnenten der Zeitschrift „Der Vegetarier" meldeten sich 3692 Personen, die zur Teilnahme an der Studie bereit waren. Etwa 60% der zugeschickten Fragebögen kamen beantwortet zurück; davon waren 1250 Fragebögen vollständig ausgefüllt. An diese 1250 Vegetarier wurde eine ausführliche Anleitung zur Erstellung eines 14-tägigen Ernährungsprotokolls verschickt, die Rücklaufquote betrug 47%.
Da ein Zusammenhang zwischen Protokollen und Fragebogen hergestellt werden soll, kamen nur Fragebögen zur Auswertung, zu denen auch ein Ernährungsprotokoll vorliegt (n = 588). Etwa die Hälfte der 588 Personen ernährt sich seit mindestens 5 Jahren vegetarisch. Bei vielen Studien, insbesondere in den USA, wird diese Mindestdauer der vegetarischen Ernährung als stabile Ernährungsform gewertet. Um einen Vergleich mit diesen Studien zu ermöglichen, wurden zunächst die Ergebnisse aus 268 Fragebögen von Vegetariern ermittelt, die sich mindestens 5 Jahre vegetarisch ernähren.
Das Durchschnittsalter der Befragten liegt bei 49,8 Jahren, mit einer Spanne von 17-87 Jahren. Auffällig ist, daß 64.9% der Befragten Frauen sind; 35,4% sind ledig, 46.3% verheiratet. Ein Vergleich der Haushaltsgröße und der Anzahl der Vegetarier pro Haushalt zeigt, daß nicht alle Haushaltsmitglieder Vegetarier sind. So leben nur 34,7% in einem Ein-Personen-Haushalt, aber 55,6% geben an, daß sich nur eine Person im Haushalt vegetarisch ernährt. Größe und Gewicht der Vegetarier ergeben, daß das Kollektiv nahezu idealgewichtig ist (Tab. 1).
Die wenigsten Vegetarier haben ihre vegetarische Ernährung von ihren Eltern übernommen. Nur 19.4% geben an, daß sich ihre Mutter vegetarisch ernährt oder ernährte; bei den Vätern sind oder waren nur 10,4% Vegetarier.
| Tab. 1 | ||
| Rahmendaten der untersuchten Vegetarier | ||
| Männer
x ± SD n = 94 |
Frauen
x ± SD n = 174 |
|
| Alter | 52,3 ± 16,6 | 48,5 ± 17,6 |
| Größe, cm | 176, ± 6,9 | 164 ± 6,4 |
| Gewicht, kg | 67, ± 8,6 | 57 ±7,3 |
| Idealgewicht, kg | 68,2 | 54,6 |
Die Einteilung der Befragten in vegetarische Ernährungstypen zeigt, daß die Gruppe der Lakto-ovo-Vegetarier am größten ist. Am längsten wird die lakto-vegetarische Ernährung beibehalten, denn 28,7% ernähren sich seit durchschnittlich 20 Jahren nach diesem Ernährungstyp (Tab. 2).
| Tab. 2 | ||
| Ernährungstyp und durchschnittliche Dauer der vegetarischen Ernährung (n = 268) | ||
| Ernährungstyp | % | Mittlere Dauer (Jahre) |
| I Vegan | 9,3 | 10,0 |
| II Lakto-vegetarisch | 28,7 | 20,0 |
| III Lakto-ovo-vegetarisch | 53,0 | 16,3 |
| IV Teilweise vegetarisch | 9,0 | 13,1 |
Bei den Motiven, die zum Vegetarismus führen, werden gesundheitliche Überlegungen häufiger angeführt als ethische Aspekte (Tab. 3). Für die einzelnen Ernährungstypen gibt es einige Abweichungen. So nennen bei den Veganern 48% religiöse Gründe. Bei den Lakto-Vegetariern werden zwar auch gesundheitliche Gründe am häufigsten genannt, aber 40,3% führen auch ästhetische Gründe an. Die Gruppe der Lakto-ovo-Vegetarier deckt sich nahezu mit dem Gesamtkollektiv, während bei der letzten Gruppe nur 33,3% ethische Gründe anführen.
| Tab. 3 | |
| Motive der befragten Vegetarier (n = 268) | |
| Motiv | % |
| gesundheitlich | 78,4 |
| ethisch | 69,4 |
| ökologisch | 33,6 |
| ästhetisch | 28,4 |
| religiös | 22,8 |
| zur Leistungssteigerung | 21,6 |
| philosophisch | 21,6 |
| ökonomisch | 19,4 |
| naturwissenschaftlich | 10,4 |
| hygienisch | 8,6 |
| kosmetisch | 6,0 |
Bei fast allen Vegetariern sind 3 Hauptmahlzeiten fester Bestandteil des Tagesablaufs (Tab. 4). Am längsten dauert das Abendessen (35 Min.); über die Hälfte der Vegetarier nehmen darüber hinaus regelmäßig am Nachmittag eine Zwischenmahlzeit ein.
| Tab. 4 | |||||
| Häufigkeit und Dauer der normalerweise eingenommenen Mahlzeiten (n = 268) | |||||
| % | Dauer
(Min) |
Spanne |
|||
| 1. Frühstück | 93,7 | 21 | ± | 10,32 | 3-60 |
| 2. Frühstück | 25,7 | 10,3 | ± | 6,32 | 3-30 |
| Mittagessen | 89,6 | 28,6 | ± | 11,69 | 2-90 |
| Zwischenmahlzeiten | 54,5 | 11,78 | ± | 6,23 | 5-30 |
| Abendessen | 95,9 | 35,6 | ± | 12,6 | 5-80 |
| Spätimbiß | 34,0 | 8,8 | ± | 5,0 | 2-20 |
Beim Brot bestätigt eine Gegenüberstellung der Verzehrshäufigkeiten für Vollkornbrote und ballaststoffarme Brotsorten die Erwartung, daß Vegetarier häufiger ballaststoffreiche Lebensmittel zu sich nehmen. So essen 44,5% täglich Roggenvollkornbrot und nur 18% helles Mischbrot. Weizenvollkornbrot wird von 35,8% täglich verzehrt, Weizenmischbrot essen dagegen nur 7,4%.
Auch die Verzehrshäufigkeiten für Müsli bestätigen die Erwartung. Das reichhaltige Angebot von Fertig-Müsli-Mischungen im Handel wird von den Vegetariern kaum genutzt (Tab. 5) Müsli aus frisch geschrotetem Getreide wird am häufigsten verzehrt.
| Tab. 5 | ||||
| Verzehrshäufigkeiten für Müsli, % (n = 268) | ||||
| täglich, fast täglich | mehrmals /Woche | selten | nie | |
| Fertig-Müsli | 2,6 | 7,5 | 16,0 | 41,0 |
| selbst gemischtes | 16,4 | 16,0 | 11,5 | 26,1 |
| Frischkornmüsli | 32,0 | 13,1 | 11,9 | 16,8 |
Hülsenfrüchte werden mit Ausnahme von Sojafleisch und Sojamehl relativ selten verzehrt. Da Hülsenfrüchte die proteinreichsten pflanzlichen Lebensmittel sind, sollte ihnen insbesondere bei vegetarischer Kost mehr Bedeutung zukommen. Eine Aufschlüsselung des Sojaverzehrs nach Ernährungstypen zeigt, daß 32% der Veganer, 20,8% der Lakto-Vegetarier, 24,6% der Lakto-ovo-Vegetarier und 12,5% der teilweisen Vegetarier mehrmals pro Woche Sojafleisch essen.
Gemüse wird am häufigsten in Form von Rohkost verzehrt, denn 79,1% essen täglich unerhitztes Gemüse. Da einige Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe beim Erhitzen zerstört werden, ist der häufige Verzehr von Rohkost zu begrüßen. Wichtigstes Garverfahren ist das Dünsten, 22,8% essen täglich und 41,4% mehrmals pro Woche gedünstetes Gemüse. Dies ist in sofern erfreulich, da es sich beim Dünsten um ein schonendes Garverfahren handelt, bei dem die Wirksamkeit von Vitaminen nicht in dem Maße wie beim Kochen vermindert wird.
Der Eierverzehr ist relativ gering (Tab. 6). Insgesamt essen zwar nur 28,7% keine Eier, das sind weniger, als nach der Einordnung in die 4 Ernährungstypen zu erwarten wären (s. Tab. 2). Somit essen Veganer sehr selten und Lakto-Vegetarier kaum Eier. Insgesamt liegen die Vegetarier deutlich unter dem durchschnittlichen Eierverzehr der Gesamtbevölkerung, der bei 5-6 Stück pro Woche liegt.
| Tab. 6 | |||||
| Eierverzehr des Gesamtkollektivs und der 4 Ernährungstypen, % (n = 268) | |||||
| Gesamt |
I |
II |
III |
IV |
|
| Keine Eier | 28,7 | 84 | 67,5 | 2,1 | 4,2 |
| Selten | 36,6 | 16 | 31,2 | 44,4 | 29,2 |
| 1-3 Stück/Woche | 27,2 | 42,3 | 54,2 | ||
| 4-6 Stück/Woche | 6,3 | 9,9 | 12,5 | ||
Milch und Milchprodukte spielen bei der vegetarischen Kost eine wichtige Rolle, denn sie liefern hochwertiges Protein. Von den befragten Vegetariern verzehren 90,3% regelmäßig Milch und Milchprodukte. Rohmilch und pasteurisierte Frischmilch mit 3,5% Fett werden fast gleich häufig getrunken, 17,6% verwenden täglich Rohmilch und 17,3% pasteurisierte Milch. Die Bevorzugung dieser Milchsorten weicht vom allgemeinen Trend in Richtung H-Milchkonsum deutlich ab. Bereits 1982 hatte H-Milch einen Marktanteil von 47% am gesamten Konsummilchverbrauch. Beim untersuchten Kollektiv verwenden nur 1,7% täglich H-Milch mit 3,5% Fett.
Da gesundheitliche Motive am häufigsten für die vegetarische Ernährungsweise genannt wurden, interessiert besonders, was Vegetarier über den Fleischverzicht hinaus für ihre Gesundheit tun.
Der Getränkekonsum zeigt, daß alkoholische Getränke nur eine untergeordnete Rolle spielen (Tab. 7). Außerdem wird auf die anregenden Getränke Bohnenkaffee und schwarzer Tee häufig verzichtet; dafür werden Kräuter- und Früchtetees bevorzugt.
| Tab. 7 | ||||
| Verzehrhäufigkeit von Getränken, % (n = 268) | ||||
| Tee, schwarz | 20,5 | 14,9 | 20,9 | 38,1 |
| Kräutertee | 69,8 | 16,8 | 9,0 | 1,9 |
| Kaffee | 20,9 | 12,7 | 23,9 | 36,2 |
| Malzkaffee | 6,7 | 10,8 | 19,8 | 53,7 |
| Alkoholfreie Getränke | 47,7 | 22,4 | 20,1 | 6,7 |
| Bier, Wein, Sekt | 3,4 | 16,4 | 34,3 | 40,7 |
| Spirituosen | - | 3,7 | 20,2 | 69,8 |
Zucker wird selten eingesetzt, lediglich 5,6% verwenden täglich Haushaltszucker. Honig verzehren täglich 45,1%. Da nicht nach der Menge des verwendeten Honigs gefragt wird, ist es schwierig, diese Verzehrshäufigkeiten quantitativ zu bewerten. Wenn Zucker lediglich durch die gleiche Menge Honig ersetzt würde, hätte das insbesondere für die Zahngesundheit keine Vorteile. Daß Vegetarier Süßem nicht gänzlich abgeneigt sind, zeigt sich daran, daß sie auch gelegentlich naschen. So essen 2,3% täglich und 16,8% mehrmals pro Woche Schokolade. Weitere Süßigkeiten, mit Ausnahme von Keksen, werden nur selten verzehrt.
Das ausgeprägte Gesundheitsverhalten der Vegetarier wird durch die Seltenheit des Rauchens deutlich; 94% sind Nichtraucher. Sport betreiben 72,4%, davon 31% fast täglich und 18,7% mehrmals pro Woche. Radfahren, Gymnastik und Schwimmen sind die am häufigsten genannten Sportarten. Yoga betreiben 28%, autogenes Training 13,8% und 27,2% meditieren. Von den befragten Vegetariern fasten 41,4% regelmäßig, wobei die Spanne von einem Tag bis zu mehreren Wochen pro Jahr reicht; gefastet wird in der Regel zu Hause.
Auffällig ist die häufige Einnahme von Vitamin- und Aufbaumitteln (Tab. 8). Täglich nehmen 23,9% diese Mittel zu sich. Diese Tatsache läßt vermuten, daß Unklarheiten über die Höhe des Nährstoffbedarfs bestehen. Die Aufgabe der Ernährung, den Körper mit allen lebensnotwendigen Nähr- und Wirkstoffen zu versorgen, kann durch eine abwechslungsreiche vegetarische Kost erreicht werden, so daß täglich mehrmals die Einnahme von Vitamin- und Aufbaumitteln überflüssig wird.
| Tab. 8 | ||||
| Einnahmehäufigkeit von Medikamenten, % (n = 268) | ||||
| täglich
/fast täglich |
mehrmals/
Woche |
selten | nie | |
| Vitamin und Aufbaumittel | 23,9 | 11,9 | 25,8 | 35,1 |
| Stärkungsmittel | 1,9 | 2,6 | 23,5 | 64,6 |
| Abführmittel | 1,9 | 1,9 | 10,4 | 78,4 |
| Beruhigungsmittel | 1,8 | 0,4 | 15,3 | 75,7 |
Die Bedeutung ihrer Ernährung für die Gesundheit unterstreicht die hohe Zustimmungsrate der Vegetarier zur Aussage: „Vegetarische Ernährung leistet einen wichtigen Beitrag zur Vorbeugung von Zivilisationskrankheiten". Drei von vier Personen (76,9%) stimmen dieser Aussage uneingeschränkt zu, für 19% stimmt sie noch überwiegend. Dagegen meinen aber nur 35,8%, daß Vegetarier auch gesünder sind; 17,9% sind davon überzeugt, daß Vegetarier länger leben. Die Diskrepanz zwischen der ersten und den beiden letzten Aussagen erklärt sich möglicherweise dadurch, daß viele Menschen erst zur vegetarischen Ernährung übergehen, wenn sie bereits krank sind.
| Tab. 9 | ||||
| Bedeutungvon Arztbesuch, % (n = 268) | ||||
| Frage | stimmt | stimmt
überwiegend |
stimmt
überwiegend nicht |
stimmt
nicht |
| 1 |
21,3 |
44,4 |
22,0 |
10,4 |
| 2 |
29,1 |
32,5 |
20,9 |
14,2 |
Frage 1: Regelmäßige Arztbesuche sind wichtig, um Krankheiten rechtzeitig zu erkennen
Frage 2: Man sollte nur zum Arzt gehen, wenn man wirklich krank ist
Neben der Bedeutung des Vegetarismus für die Gesundheit interessiert auch das Verhältnis zur Medizin und zu den Ärzten (Tab. 9). Etwas überraschend ist, daß der Früherkennung durch regelmäßige Arztbesuche relativ wenig Bedeutung zugeschrieben wird. Dies legt die Vermutung nahe, daß der Medizin und der Ärzteschaft nicht uneingeschränkt getraut wird. Für die geringe Bereitschaft der Ärzte prophylaktisch tätig zu werden, machen die Befragten finanzielle Gründe verantwortlich (Tab. 10).
| Tab. 10 | ||||
| Einstellung zu Ärzten, % (n = 268) | ||||
| Frage |
stimmt |
stimmt
überwiegend |
stimmt
überwiegend nicht |
stimmt
nicht |
| 1 |
44,0 |
32,1 |
12,3 |
5,2 |
| 2 |
13,1 |
27,6 |
39,9 |
13,4 |
Frage 1: Solange Ärzte und Zahnärzte mehr Geld an der Behandlung von Krankheiten verdienen, sind sie nicht bereit, für eine umfangreiche Prophylaxe einzutreten
Frage 2: Ärzte und Zahnärzte sind grundsätzlich bereit, Ernährungs- und Gesundheitsaufklärung zu betreiben, aber neben der Behandlung von Krankheiten bleibt ihnen kaum Zeit dafür
Trotz dieser negativen Einschätzung gehen aber 35,8% regelmäßig zum Arzt; 39,2% geben an, daß ihr Arzt alternative Behandlungsmethoden einsetzt. Von einem Heilpraktiker lassen sich 26,5% behandeln. Mit den Ärzten wird teilweise auch über Ernährung gesprochen, so geben 59,3% an, daß ihr Arzt über ihre vegetarische Ernährung informiert ist. Von diesen 59.3% können aber knapp die Hälfte nicht sagen, ob der Arzt der vegetarischen Ernährung positiv oder negativ gegenübersteht. Von den Ärzten lehnen 9,1 % die vegetarische Ernährung ihrer Patienten ab, 41,1% befürworten sie.
Von den befragten Vegetariern wurden diejenigen, die im Einzugsbereich der Städte Frankfurt, Stuttgart, Freiburg, Düsseldorf und Hamburg wohnten, zur Blutabnahme eingeladen. Es konnten Blutproben von 91 Vegetariern untersucht werden. Bei diesem Teilkollektiv sind 82% Frauen, das Durchschnittsalter beträgt 51 Jahre. Häufigste Ernährungsform der untersuchten Gruppe ist die lakto-ovo-vegetarische Kost, sie wird von 50% verzehrt; 13% ernähren sich vegan, 30% lakto-vegetarisch und 7% teilweise vegetarisch. Hauptbeweggründe für die vegetarische Ernährung sind auch bei diesem Teilkollektiv gesundheitliche Überlegungen, sie werden von 76% angeführt. p>Das Körpergewicht des untersuchten Teilkollektivs liegt ebenso wie das des Gesamtkollektivs im Bereich des Idealgewichts (Tab. 11). Bluthochdruck, eine Mitursache bei der Entstehung von Herz-Kreislauferkrankungen, konnte bei den untersuchten Vegetariern nicht gefunden werden. Geschlechtsspezifische Unterschiede treten nicht auf. Das untersuchte Teilkollektiv ist ebenso wie das Gesamtkollektiv nahezu idealgewichtig.
| Tab. 11 | ||||||
| Körpergewicht,
Blutdruck, Eisen, Hämoglobin, Harnsäure, Blutzucker (n = 268) |
||||||
| Männer | Frauen | |||||
| x ± SD | x ± SD | |||||
| Körpergewicht, kg | 65,4 | ± | 7,5 | 55,9 | ± | 7,0 |
| Blutdruck, mm Hg | ||||||
| systolisch | 131,9 | ± | 17,5 | 131,1 | ± | 17,8 |
| diastolisch | 83,3 | ± | 8,4 | 84,0 | ± | 9,6 |
| Hb, g/100mI | 13,96 | ± | 1,97 | 12,71 | ± | 1,52 |
| Fe, ug/100ml | 100,9 | ± | 32,7 | 84,7 | ± | 28,4 |
| Harnsäure, mg/dl | 4,8 | ± | 1,0 | 3,7 | ± | 0,9 |
| Blutzucker, mg/dl | 84,5 | ± | 13,1 | 86,1 | ± | 9,7 |
Die Eisen- und Hämoglobinwerte wurden bestimmt, da bei der gegenwärtigen Ernährungssituation und bei Vegetariern Eisen zu den kritischen Nährstoffen gerechnet werden muß. Da Eisen aus tierischen Lebensmitteln besser ausgenutzt wird als aus pflanzlichen ist die Eisenversorgung bei Vegetariern von zusätzlichem Interesse. Die Serumeisenwerte liegen deutlich über der kritischen Grenze von 60 pg für Männer und 40 pg für Frauen. Die ermittelten Hämoglobinwerte liegen für beide Geschlechter im unteren Normbereich.
Ein Einfluß der verschiedenen vegetarischen Ernährungstypen auf die Eisenwerte konnte nicht nachgewiesen werden.
Der Harnsäurespiegel liegt für beide Geschlechter ebenfalls im Normbereich. Die Blutglucosewerte von 93% der untersuchten Vegetarier sind in der Norm. lediglich in 2% der Fälle liegen sie darüber. Dementsprechend geben auch 1,2% an, an Diabetes erkrankt zu sein.
Die verschiedenen Lipidfraktionen wurden bestimmt, um das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen zu beurteilen. Die Gesamtcholesterinwerte liegen in 80% der Fälle unter dem Normbereich von 220-260 mg/dl (Tab. 12). Am niedrigsten sind die Werte bei der Gruppe der Veganer (144 mg/dl). Sehr niedrig sind auch die Triglyceridwerte. An Hand des atherogenen Index, der das Verhältnis LDL zu HDL angibt, kann ein Maß für das Risiko koronarer Herzerkrankungen erstellt werden. Bei Werten über 4,5 ist das Risiko erhöht. Bei den untersuchten Vegetariern ist der Index mit 2,1 für Männer und 2,0 für Frauen deutlich niedriger.
| Tab. 12 | ||||||
| Lipidwerte der untersuchten Vegetarier (n = 268) | ||||||
| Männer | Frauen | |||||
| Gesamtcholesterin, mg/dl | 169,9 | ± | 39,1 | 181,4 | ± | 52,0 |
| HDL, mg/dl | 50,6 | ± | 14,6 | 55,9 | ± | 14,3 |
| HDL % | 29,7 | ± | 9,1 | 32,6 | ± | 9,1 |
| LDL, mg/dl | 98,5 | ± | 33,7 | 105,9 | ± | 46,1 |
| LDL/HDL | 2,1 | ± | 0,8 | 2,0 | ± | 1,0 |
| Triglyceride, mg/dl | 103,8 | ± | 43,1 | 97,5 | ± | 40,1 |
Um das Risiko einer Arterioskleroseerkrankung genauer beschreiben zu können, werden immer häufiger auch die Apo-Lipoproteine bestimmt. Die Apo-Lipoprotein-A-1 Fraktion wird als Schutzfaktor in Betracht gezogen, während LDL und Apo-Lipoprotein-B positiv mit dem Auftreten koronarer Herzerkrankungen korrelieren. Die mittleren Apo-Lipoproteinwerte der untersuchten Vegetarier sind insgesamt sehr niedrig (Tab. 13).
| Tab. 13 | ||||||
| Apo-Lipoproteine der untersuchten Vegetarier (n = 268) | ||||||
| Männer | Frauen | |||||
| Apo-A-l, mg/dl | 77,0 | ± | 27,4 | 78,9 | ± | 30,3 |
| Apo-A-ll, mg/dl | 20,5 | ± | 8,0 | 21,1 | ± | 10,7 |
| Apo-B, mg/dl | 39,7 | ± | 13,1 | 41,2 | ± | 13,5 |
Insgesamt liegen die gemessenen Blutwerte
im normalen bis günstigen Bereich. Unter Berücksichtigung des Durchschnittalters
von 51 Jahren und der Tatsache, daß viele Vegetarier aus Krankheitsgründen
diese Ernährungsform wählten, ist der Gesundheitszustand bemerkenswert
gut. Dies ist sicher nicht allein auf die vegetarische Ernährung, sondern
auch auf das ausgeprägte Gesundheitsbewußtsein und -verhalten der
Vegetarier zurückzuführen.
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Jenny Claude, Rainer Frentzel-Beyme,
Ursula Eilber
Deutsches Krebsforschungszentrum, Heidelberg
Institut für Dokumentation, Information
und Statistik, Abteilung Epidemiologie, Heidelberg
Prospektive epidemiologische Studie bei Vegetariern
Erste Ergebnisse eines 5-Jahres-Studienabschnittes
Zusammenfassung
Einleitung
Ziel
Auswertung
Externer Vergleich
Interner Vergleich
Ergebnisse
Diskussion
Kommentar zur Studie
Vegetarier leben
länger als vergleichbare Menschen mit
herkömmlichen Lebens- und Eßgewohnheiten.
Sie sterben seltener
an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs.
Zu diesem Ergebnis kommt die 5-Jahres-Studie (1978-1983) des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg (DKFZ). Der Studie liegen Befragungen und Untersuchungen von insgesamt 1904 vegetarisch lebenden Personen - 858 Männern und 1046 Frauen - aus der Bundesrepublik zugrunde.
Aus der außerordentlich umfangreichen Dokumentation wurden die wesentlichen Abschnitte zusammengestellt, die für die vergleichende Betrachtung wichtig erschienen. Auf die Wiedergabe von Darstellungen der Studien in USA u.a.. sowie auf die Technik der Auswertung und das Quellenverzeichnis wurde verzichtet. Daran besonders Interessierte bitten wir, sich direkt an das DKFZ zu wenden.
Eine prospektive epidemiologische Studie unter Vegetariern in der Bundesrepublik Deutschland wird seit 1976 im Deutschen Krebsforschungszentrum durchgeführt. An der Hauptstudie (seit 1978) beteiligten sich insgesamt 1904 Personen (858 Männer. 1046 Frauen). Diese hatten sich bei einer Umfrageaktion freiwillig gemeldet und einen allgemeinen Fragebogen über ihre vegetarische Lebensweise ausgefüllt.
Nach einer Beobachtungszeit von 5 Jahren (bis Ende 1983) wurden in dieser Kohorte 82 Todesfälle beobachtet (45 Männer, 37 Frauen). Die Herz-Kreislauf-Krankheiten (20 bei Männern, 16 bei Frauen) und die bösartigen Neubildungen (15 bei Männern, 11 bei Frauen) stellen die wichtigsten Todesursachen dar.
Im Vergleich zu den Sterblichkeitsraten der Allgemeinbevölkerung der Bundesrepublik Deutschland waren die altersstandardisierten Mortalitätsraten (SMR) bei beiden Geschlechtern sowohl für alle Todesursachen (SMR = 37 bei Männern, SMR = 38 bei Frauen) als auch für bösartige Tumoren (SMR = 58 bei Männern, SMR = 54 bei Frauen) und Herz-Kreislauf-Krankheiten (SMR = 32 bei Männern, SMR = 29 bei Frauen) erniedrigt.
Diese Ergebnisse sollten mit Vorsicht interpretiert werden, da eine denkbare gesundheitsbezogene Selektion bei Eintritt in die Studie die Sterblichkeit nach dem noch relativ kurzen Followup von 5 Jahren günstig beeinflußt haben kann. Ebenso sind die Fallzahlen insbesondere für einzelne Krebslokalisationen noch zu klein, um definitive Aussagen zu erlauben. Dennoch deutet die generelle Übereinstimmung unserer Ergebnisse mit denjenigen anderer prospektiver Studien über Personen mit vegetarischer oder „natürlicher" Lebensweise auf eine tatsächliche Senkung des Sterberisikos hin. Ob das erniedrigte Sterberisiko direkt mit der Ernährung zusammenhängt, oder ob bestimmte andere Eigenschaften der Studienteilnehmer eine Rolle spielen, kann diese Studie nicht beantworten. Eine Fortsetzung der Studie für eine wertere 5-jährige Beobachtungsperiode wird eine bessere Schätzung der relativen Senkung der organspezifischen Krebsmortalität sowie eine Aussage über mögliche Auswirkungen eines strengeren Vegetarismus im Vergleich zu einem weniger strengen Vegetarismus erlauben.
Die Beziehungen zwischen Ernährung und Gesundheit sind Anlaß vieler Untersuchungen sowohl in der Vergangenheit als auch heute, da die Ernährung einen wichtigen Teil des menschlichen Daseins darstellt. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich in verschiedenen Ländern und Regionen viele verschiedene Ernährungsformen entwickelt. Die Tatsache, daß sich Sterberaten und Erkrankungsraten für bestimmte Krankheiten in den Ländern unterscheiden, führte dazu, daß die Ernährung und die unterschiedliche Nahrungsmittelzubereitung hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Genese von Erkrankungen untersucht wurde. Wichtige Hinweise für die Zusammenhänge zwischen Ernährungsfaktoren und Erkrankungen stammen auch von Untersuchungen an Gruppen, die eine besondere Ernährungsweise mit bestimmten Vorschriften befolgen, wie zum Beispiel Seventh-Day Adventists (SDA) und Mormonen, und von Fall-Kontroll-Studien, welche die Einflüsse der Ernährungsfaktoren auf das Auftreten von Krankheiten untersuchen. Es zeigte sich, daß der Einfluß der Faktoren Ernährung und Lebensweise krankheitsfördernd oder auch verhütend sein kann.
Im Jahre 1976 wurde von der Abteilung Epidemiologie des Instituts für Dokumentation, Information und Statistik des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) eine prospektive epidemiologische Studie unter Vegetariern in der Bundesrepublik Deutschland konzipiert, um der hypothetisierten Risikoerhöhung mittels einer Beobachtungsstudie nachzugehen. Die ursprüngliche Studienkonzeption, aufgrund der Hypothese einer angenommenen vermehrten Zufuhr von Nitrat bzw. vermehrter Exposition gegenüber Nitrosaminen bei Vegetariern deren Mortalität mit der Exposition in Beziehung zu setzen, konnte mit der Zeit infolge der Entwicklung des Wissens nicht aufrecht erhalten werden, da Nitrosierungsprozesse im Körper als auch die Körpertoleranz gegenüber Nitrosaminen noch nicht geklärt werden können. Daher dient diese Studie zunächst dem Zweck, die Sterblichkeit der Vegetarier als einer definierten Bevölkerungsgruppe zu untersuchen. Allerdings ist zu beachten, daß die Vegetarier eine selbstselektierte Bevölkerungsgruppe sind und sich daher durch eine Reihe von lebensstilbedingten und sozioökonomischen Faktoren von der Allgemeinbevölkerung unterscheiden.
Das Forschungsvorhaben wurde in 3 Phasen geplant. Eine erste Querschnittserhebung sollte die Anzahl der kooperationswilligen Vegetarier feststellen (Phase 1 = Vorstudie), die dann in die eigentliche prospektive Kohortenstudie einbezogen werden sollte (Phase 2 = Hauptstudie). Begleitend zu der epidemiologischen Studie wurde eine Untersuchung von Nitrat und Nitrit im Speichel vorgesehen, die in Zusammenarbeit mit dem Institut für Toxikologie und Chemotherapie, Abteilung Umweltkarzinogene des DKFZ durchgeführt werden sollte (Phase 3 = Speichelprobenuntersuchung).
Das Ziel der hier vorgelegten Studie ist, die Sterblichkeit einer vegetarisch lebenden Bevölkerungsgruppe zu analysieren, wobei die Hypothese geprüft werden sollte, ob die Vegetarier aufgrund der Bevorzugung bestimmter Nahrungsmittel und des Verzichts auf andere (insbesondere tierische Nahrungsmittel) und aufgrund ihrer Lebensweise andere Erkran-kungs- und Sterbewahrscheinlichkeiten aufweisen als die Allgemeinbevölkerung. Die Unterschiede in der Häufigkeit des Auftretens bestimmter Organtumoren unter Vegetariern und einer sich weniger streng vegetarisch ernährenden Vergleichsgruppe bzw. der Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik Deutschland sollen darüber Aufschluß geben, welche Abweichungen zu finden sind und welche der bei Studienbeginn erhobenen Faktoren einen Einfluß auf das Krebsrisiko der Studienbevölkerung haben. Außerdem wird eine begleitende Erhebung von biologischen Parametern (Nitrat- und Nitritkonzentration im Speichel) durchgeführt, um mögliche Unterschiede dieser Parameter bei bestimmten Untergruppen von Personen aufzudecken
Bezüglich der Gesamtzahl der Vegetarier in der Bundesrepublik Deutschland variieren die Zahlen sehr stark. Während einerseits laut Angaben des Vegetarier-Bundes Deutschlands ca 10000 Personen in Verbänden organisiert sein sollte, sind bis zu 5.440.000 Personen als „zeitweise vegetarisch lebend" angenommen worden, nachdem eine Repräsentativbefragung des Instituts für angewandte Sozialwissenschaft (INFAS) einen Anteil von 9,1% unter 2034 Studienpersonen ergeben hat.
Die Verteilung der Variablen Ernährungsweise, Lebensweise und andere Charaktenstika der Kohorte wurden unter Anwendung des Programmpakets SPSS deskriptiv untersucht. Die Verteilung bestimmter Merkmale wie Alter, Familienstand, Berufe (der Erwerbstätigen), Über-/Untergewicht, wurden mit Verteilungen in der Gesamtbevölkerung von veröffentlichten Daten aus dem statistischen Jahrbuch 1980 bzw. dem Ernährungsbericht 1980 verglichen, um Anhaltspunkte für eventuelle Unterschiede in Bezug auf die Sterblichkeit zu erhalten.
Für differenzierte Auswertungen und einen internen Vergleich wurden die Vegetarier zusätzlich in zwei Gruppen, „strenge" und „weniger strenge", unterteilt. Die „strengen" Vegetarier durften seit Anfang ihrer selbstgewählten Lebensweise kein Fleisch und keinen Fisch mehr gegessen haben, diejenigen, die selten bzw. gelegentlich Fisch oder Fleisch zu sich genommen haben, wurden als „weniger strenge" Vegetarier gekennzeichnet.
Die Auswertung der 5-Jahres-Mortalität erfolgte mit EPAS, einem Programmpaket, in dem Standardverfahren zur Analyse epidemiologischer Studien zur Verfügung stehen.
In einem „externen" Vergleich mit den aus der allgemeinen Todesursachenstatistik bekannten Sterberaten der Allgemeinbevölkerung der Bundesrepublik Deutschland wird das Sterberisiko der Vegetarier beschrieben.
Zu diesem Zweck wird die „Standardisierte Mortalitätsratio" (SMR) berechnet, der Quotient aus den tatsächlich beobachteten und den erwarteten Todesfällen, basierend auf dem Sterberisiko der Allgemeinbevölkerung (unter der Annahme einer entsprechenden Altersverteilung). Dafür wurden die Mortalitätsdaten der Bundesrepublik Deutschland von 1980, aufgeteilt in 5-Jahres-Altersgruppen, verwendet, womit gleichzeitig eine Altersstandardisierung verbunden ist.
Erwartungswerte wurden getrennt für die gesamte Vegetariergruppe sowie für die strenge und die weniger strenge Vegetariergruppe errechnet, Durch den Vergleich beobachteter mit erwarteten Fällen ergeben sich die SMRs mit ihren 95%-Konfidenzintervallen.
Im externen Vergleich für die gesamte Studiengruppe hatten die Vegetarier ein beträchtlich niedrigeres Gesamtsterberisiko als die Gesamtbevölkerung.
Der interne Vergleich der strengen mit den weniger strengen Vegetariern sollte die mögliche Auswirkung einer strengen Adhärenz zum Vegetarismus zeigen. Die altersstratifizierten relativen Risiken mit ihren 95%-Konfidenzintervallen wurden nach Miettinen berechnet. Die statistische Signifikanz des relativen Risikos wurde durch einen zweiseitigen Test unter Annahme einer Poisson-Verteilung bestimmt.
Allgemeines
Die soziodemographischen Merkmale der Teilnehmer (im Vergleich mit der Allgemeinbevölkerung) lassen erkennen, daß es sich um eine ältere Personengruppe handelt mit höherem sozioökonomischen Status, und es fallt auf, daß die Sozialberufe überwiegen.
| Altersverteilung im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung (Referenz)* | ||||||
| Alter
1978 |
Männer | Frauen | ||||
| Jahre |
Anzahl |
% | Referenz | Anzahl |
% | Referenz |
| -15 | 45 | 5,2 | 20,6 | 36 | 3,4 | 17,9 |
| 15-24 | 95 | 11,1 | 16,5 | 90 | 8,6 | 14,3 |
| 25-34 | 161 | 18,8 | 14,1 | 148 | 14,1 | 12,2 |
| 35-44 | 155 | 18,1 | 16,5 | 185 | 17,7 | 14,1 |
| 45-54 | 102 | 11,9 | 12,3 | 134 | 12,8 | 11,8 |
| 55-64 | 77 | 9,0 | 8,1 | 181 | 17,3 | 10,9 |
| 65-74 | 129 | 15,0 | 8,0 | 169 | 16,2 | 11,6 |
| 75-84 | 82 | 9,6 | 3,3 | 87 | 8,3 | 6,0 |
| 85 | 12 | 1,4 | 5,0 | 16 | 1,5 | 1,1 |
| Gesamt | 858 | 1046 | ||||
| Median | 42,1
Jahre |
49,9
Jahre |
||||
*Die Vergleichszahlen stammen aus
dem statistischen Jahrbuch 1980 für die Bundesrepublik Deutschland
Hrsg.: Statistisches Bundesamt Wiesbaden.
Sie beziehen sich auf die Allgemeinbevölkerung von 1978.
Die nachfolgende Tabelle gibt Aufschluß über Art und Dauer der vegetarischen Lebensweise.
| Dauer des Vegetarismus (Jahre) | ||||
| Männer | Frauen | |||
| Jahre | n | % | n | % |
| 01-04 | 96 | 11 | 108 | 10,0 |
| 05-09 | 197 | 23 | 225 | 21,5 |
| 10-19 | 180 | 21 | 224 | 21,4 |
| 20-39 | 215 | 25 | 273 | 26,0 |
| 40-59 | 137 | 16 | 174 | 16,6 |
| 60 | 28 | 8 | 35 | 3,4 |
| Ohne Angabe | 5 | 7 | ||
| Gesamt | 858 | 1046 | ||
Von 1904 Studienteilnehmern waren 1163 strenge und 741 weniger strenge Vegetarier; 6% Veganer, 27% lacto-Vegetarier, 66% ovo-lacto-Vegetarier.
Nur 0,5% hatten ihre Ernährungsform erst 1 Jahr lang eingehalten, 89% ernährten sich länger als 5 Jahre vegetarisch.
Von den weniger strengen Vegetariern aßen 52% selten oder gelegentlich Fisch oder Fleisch, 11% gaben regelmäßigen Verzehr an.
Gründe für die gewählte Lebensweise sind bei 62% der Teilnehmer ethische Überlegungen, bei 58% gesundheitliche Motive, bei 20% die Möglichkeit einer Leistungssteigerung und bei 33% andere Gründe. Die gesundheitlichen Überlegungen spielten bei den weniger strengen Vegetariern eine wichtigere Rolle als bei den strengen.
| Gründe für die gewählte Lebensweise | |||||
| Männer | |||||
| Gründe | streng |
weniger
streng |
gesamt |
||
| n* |
% |
n |
% |
N |
|
| ethische | 411 | 78,9 | 125 | 37,1 | 536 |
| gesundheitlich | 260 | 49,9 | 204 | 60,5 | 464 |
| Leistungssteigerung | 100 | 19,2 | 96 | 28,5 | 196 |
| andere | 167 | 32,1 | 126 | 37,4 | 293 |
| o.A. | 2 | 0,4 | 6 | 1,8 | 8 |
| 521 | 337 | 858 | |||
| Gründe für die gewählte Lebensweise | |||||
| Frauen | |||||
| Gründe | streng |
weniger
streng |
gesamt |
||
| n* |
% |
n |
% |
N |
|
| ethische | 497 | 77,4 | 150 | 37,1 | 647 |
| gesundheitlich | 333 | 51,9 | 263 | 65,1 | 596 |
| Leistungssteigerung | 99 | 15,4 | 90 | 22,3 | 189 |
| andere | 182 | 28,3 | 150 | 37,1 | 332 |
| o.A. | 2 | 0,3 | 2 | 0,5 | 4 |
| Gesamt | 642 | 404 | 1046 | ||
*Die Häufigkeit der angegebenen Gründe addiert sich auf mehr als die Gesamtzahl der Personen, da Mehrfachnennungen möglich waren.
Die Studiengruppe unterscheidet sich hinsichtlich der Berufe der Erwerbstätigen sehr stark von der Allgemeinbevölkerung, denn es gibt erheblich weniger Handwerker und Arbeiter, hingegen mehr Personen in technischen und Sozialberufen.
In der nachfolgenden Tabelle wird die Zunahme des Anteils der Abweichung vom Broca-Referenzgewicht (Körpergröße in cm - 100) mit dem Alter der Allgemeinbevölkerung und ein resultierender, immer größer werdender Unterschied zu der Vegetariergruppe deutlich.
Anteil der Personen, die über dem BROCA-Referenzgewicht liegen
Werte von links nach rechts: 4,2 15,5 7,2 38,5 17,4 58,2 20,9 66,9 23 61,1
Dieser Bericht beschreibt die Studienbevölkerung der Vegetarierstudie und stellt die Ergebnisse einer ersten Auswertung der Sterblichkeit in dieser Kohorte nach Ablauf von 5 Jahren dar.
Eine Analyse der 5-Jahres-Mortalität ist allerdings aus verschiedenen Gründen mit Vorsicht zu interpretieren.
Erstens waren die Personen, die 1978 an der Studie teilnehmen konnten, zu dem Zeitpunkt am Leben und wahrscheinlich gesund; es folgt daher, daß sich die Sterberate dieser Personengruppe erst nach einigen Jahren „stabilisieren" wird, so daß die Selektion nach Gesundheit die bisherige Mortalitätsrate günstig beeinflußt haben könnte.
Zweitens ist die Aussagekraft einer prospektiven Studie von der Größe der Studiengruppe bzw. Anzahl der Personenjahre abhängig. Am Beispiel der Sterblichkeit an Neubildungen hätte man mit den 4306 (858 Männer x ca. 5 Jahre) bzw. 5327 beobachteten Personenjahren (Frauen) im Vergleich zu einer gleich großen Referenzkohorte bzw. der Allgemeinbevölkerung mit 80%-iger Sicherheit ein dreifach erhöhtes Sterberisiko als signifikant (p 0,05) entdecken können. Das bedeutet aber, daß festgestellte Risikoerhöhungen um weniger als das Dreifache nicht statistisch gesichert werden können. Der interne Vergleich der strengen und weniger strengen Vegetarier läßt entsprechend für die beiden Geschlechter getrennt nur ein 4,5-fach erhöhtes Krebssterberisiko als signifikant erkennen. Für einzelne Krebslokalisationen wären demgemäß nur extrem hohe Risiken feststellbar, und viele Beobachtungen sind nicht von normalen Zufallsschwankungen zu unterscheiden.
Drittens muß man bedenken, daß die Studiengruppe einen selbstselektierten Personenkreis betrifft, der aufgrund verschiedener Merkmale nicht mit der Allgemeinbevölkerung vergleichbar ist. Gefundene Unterschiede in der Sterblichkeit zwischen der Studiengruppe und der Allgemeinbevölkerung dürfen deshalb nicht zwangsläufig nur auf die Ernährungsweise zurückgeführt werden.
Die Ergebnisse der 5-Jahres-Mortalitätsanalyse sind dennoch recht aufschlußreich und für eine erste Einschätzung durchaus brauchbar. Sie deuten auf ein erniedrigtes Sterberisikohin, das sowohl für alle Todesursachen als auch für Krankheiten des Herz-Kreislaufsystems, der Atmungsorgane und der Verdauungsorgane und für Krebs erkennbar ist.
Von sehr ähnlichen Befunden berichten sowohl Studien über die Sterblichkeit bei Adventisten in Kalifornien, in den Niederlanden und in Dänemark als auch die Studie über Personen mit vegetarischer und natürlicher Lebensweise in Süd Wales. In der letzteren Studie waren die SMRs sowohl für Vegetarier als auch für Nicht-Vegetarier niedriger, und der Autor führt die Befunde auf einen „Effekt" der Selbstauswahl von gesünderen freiwilligen Teilnehmern und auf ein stärkeres Gesundheitsbewußtsein (z.B. weniger Raucher) solcher Personen zurück.
In unserer Studiengruppe ist dieRisikosenkung für Herz-Kreislauf-Krankheiten am stärksten. Auch für fast alle Untergruppen wie ischämische Herzkrankheiten, zerebrovaskuläre Krankheiten und andere Herzkrankheiten sind die SMRs für beide Geschlechter überwiegend signifikant erniedrigt. Differenziert nach Adhärenz zum Vegetarismus zeigen strenge Vegetarier (Männer) eine deutlich niedrigere SMR als weniger strenge Vegetarier. Bei den Frauen geht die Beziehung zwischen Mortalität an Herz-Kreislauferkrankungen und Adhärenz zum Vegetarismus in die andere Richtung. Erstaunlicherweise hatte Phillips* (* Phillips, R L.. verschiedene Studien mit Sieben-Tage-Adventisten) die gleiche Beobachtung gemacht, nämlich daß die Sterblichkeit an Herz-Kreislauferkrankungen mit Zunahme der Adhärenz zum Vegetarismus bei Männern abnimmt und bei Frauen eher zunimmt.
In einer weiteren Arbeit über das Risiko an ischämischen Herzkrankheiten konnte man auch nur eine positive Beziehung zwischen dem Fleischkonsum und dem Sterberisiko für ischämische Herzkrankheiten bei Männern feststellen, obwohl eine schwächere Beziehung bei älteren Frauen auch zu erkennen war. Ähnlich waren die Ergebnisse der prospektiven Studie in Süd Wales, in der eine stärkere negative Beziehung zwischen Vegetarismus und ischämischen Herzkrankheiten bei Männern als bei Frauen festgestellt wurde. Der in verschiedenen Studien gefundene niedrigere Cholesterinspiegel und der niedrigere Blutdruck bei Vegetariern im Vergleich zu Nicht-Vegetariern könnte teilweise die niedrige Mortalität an Herz-Kreislauf-Krankheiten erklären.
Für bösartige Neubildungen ergaben alle Studien bei Seventh-Day Adventists SMRs, die im Bereich von 50-70 liegen. Auch wenn die Studie bei Adventisten in Kalifornien durch ihre größeren Zahlen das Krebssterberisiko besser schätzen kann, zeigen die Sterberisiken unserer Studiengruppe in die gleiche Richtung. Für Lungenkrebs ist das Sterberisiko in beiden Studien mit einer SMR unter 20 am stärksten erniedrigt. Dieses niedrigere Lungenkrebsrisiko unserer Studienteilnehmer ist mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Teil auf deren Abstinenz vom Rauchen zurückzuführen, da nur 23% rauchen bzw. jemals geraucht haben. Im Vergleich zu Nichtrauchern konnte Phillips noch eine weitere Absenkung des Lungenkrebsrisikos bei den Adventisten feststellen. Daher sind Einflüsse der sonstigen Lebensweise oder die Selbstselektion der Personen auf das derartig reduzierte Lungenkrebsrisiko nicht auszuschließen.
Darmkrebs wird häufig auf Ernährungsfaktoren zurückgeführt, insbesondere wird ein vermehrter Konsum von Fleisch und fettreichen Nahrungsmitteln als krankheitsfördernd und die Bevorzugung von faserhaltigen Nahrungsmitteln als schützend betrachtet. Es folgt daher, daß man ein niedriges Darmkrebsrisiko bei Personen mit einer überwiegend vegetarischen Lebensweise erwartet. Die Adventisten in Kalifornien wiesen eine SMR zwischen 60 und 70 für Darmkrebs auf, was auch bei einem Vergleich mit Nichtrauchern unverändert blieb. In den Niederlanden wurde eine SMR von 43 und in Dänemark eine SMR von 80 gefunden. Ähnliche Standardisierte Inzidenz-Ratios (SIR) wurden für die Mormonen festgestellt. Da beiden Religionsgemeinschaften ein striktes Verbot von Tabak und Alkohol, aber auch Zurückhaltung im Genuß von Kaffee, Tee und koffeinhaltigen Getränken gemeinsam ist, andererseits eine Präferenz von frischem Obst, Gemüse, Nüssen und Getreide seit jeher in den Bestimmungen stark gefördert wird, ist es sehr wahrscheinlich, daß das niedrige Darmkrebsrisiko mit der Meidung von Alkohol, koffeinhaltigen Getränken einerseits und der Bevorzugung faserhaltiger und vitaminreicher Nahrungsmittel andererseits zusammenhängt. In unserer Studiengruppe kam Dickdarmkrebs bei zwei Frauen als Todesursache vor, und Mastdarmkrebs bei beiden Geschlechtern überhaupt nicht. Sicherlich läßt sich das niedrige Darmkrebsrisiko auch durch das seltene Vorkommen von Übergewicht bei den Vegetariern erklären, da das Übergewicht als ein starker Risikofaktor für zum Tode führenden Darmkrebs bei den Adventisten festgestellt wurde.
Prostatakarzinom und Mammakarzinom kamen bei den Vegetariern als Todesursache selten vor. Da einige Krebserkrankungen der Mamma bei den weiblichen Teilnehmern der Vegetarierstudie bisher ohne Todesfolge auftraten, könnte das Fehlen von Brustkrebs als Todesursache auf ein besseres Überleben zurückgeführt werden. Es hat sich nämlich in einer Studie über Brustkrebs bei den Adventisten und anderen gezeigt, daß die Adventisten-Frauen eine bessere 5-Jahres-Überlebensrate hatten, was auf eine Diagnose in früherem Stadium und frühzeitige Behandlung zurückzuführen war. Die kleine Anzahl der Adventisten-Frauen mit früheren Angaben zu Ernährungsgewohnheiten schließt die Möglichkeit aus, eine genaue Auswertung zum Einfluß der Lebensweise auf deren Überlebensrate durchzuführen. Es ist daher eine Aufgabe für die zukünftige Brustkrebsforschung herauszufinden, ob die Ernährungsweise beim Überleben der Brustkrebspatientinnen eine wichtige Rolle spielt. p>Interessant sind die vergleichbaren Werte der Magenkrebsraten in der Vegetarierstudie und bei den Adventisten. Obwohl allgemein ein niedrigeres Krebsrisiko zu beobachten ist, haben die Männer eine an die Werte der Allgemeinbevölkerung heranreichende Magenkrebsmortalitätsrate. Das Magenkrebsrisiko bei den Nicht-Adventisten war sogar niedriger und bei den Adventisten mit weniger strenger Adhärenz zu der vorgeschriebenen Lebensweise ebenfalls geringer. Die 5 Magenkrebstodesfälle in unserer Studie (4 Männer, eine Frau) gehören alle zu den strengeren Vegetariern.
Der zeitliche Trend der altersstandardisierten Magenkrebsmortalitätsrate bei Männern und Frauen in der Bundesrepublik Deutschland ist deutlich abnehmend, wobei die stärkste Abnahme bei der Altersgruppe der über 60-jährigen zu verzeichnen ist. Dieser Effekt ist wiederum bedingt durch die hohe Mortalität an Magenkrebs in den Geburtskohorten, die um und vor 1900 geboren wurden, und die bis auf die Hälfte gesunkene Mortalität der Geburtskohorten nach 1920. In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, daß die Magenkrebsfälle in unserer Studie alle über 80 Jahre alt waren. Durch eine Verlängerung der Beobachtungszeit um weitere 5 Jahre könnte festgestellt werden, ob ähnliche Muster der Magenkrebsmortalitätsraten bei den Vegetariern und der Allgemeinbevölkerung auch in den jüngeren Altersgruppen vorhanden sind.
Vermehrt sind bei den Männern noch Tumore des Gehirns vorgekommen. Auch Phillips fand, daß Neubildungen des Zentralnervensystems bei den Adventisten im Bereich der Erwartung, also nicht erniedrigt vorkamen. Diese Beobachtungen können auf zwei Möglichkeiten deuten: entweder wirkt die vegetarische Lebensweise selektiv „krankheitsfördernd" auf das Gehirn, oder der Lebensstil wirkt nicht schützend auf das Zentralnervensystem (daher ähnliche Rate wie die Allgemeinbevölkerung).
Der Vergleich der strengen mit den weniger strengen Vegetariern ergibt kein eindeutiges Bild. Auch eine erste Analyse mit dem Auswertungsansatz der Fall-Kontroll-Studie war nicht aufschlußreich. Wie am Anfang der Diskussion erwähnt wurde, scheint es auch zur Zeit mit Rücksicht auf die Kohortengröße verfrüht, in diesem Bericht weitreichende Aussagen darüber zu machen, welche spezifischen Faktoren in der Lebensweise möglicherweise mit dem Krebssterberisiko zusammenhängen.
Die Übereinstimmung der Ergebnisse unserer Studie mit denjenigen anderer Studien über die Adventisten und Personen mit vegetarischer oder „natürlicher" Lebensweise deuten auf eine tatsächliche Senkung des Sterberisikos bei dieser Personengruppe hin. Für die niedrigen Raten an Lungenkrebs und anderen durch das Rauchen bedingte Krebsformen mag das Nichtrauchen eine wichtige Rolle spielen. Anhand der Studienergebnisse kann auch das bei Vegetariern seltene Übergewicht mit den allgemein niedrigen Sterberisiken in Zusammenhang gebracht werden, da mit zunehmendem Alter auch eine zunehmende Abweichung von dem Gewicht der Durchschnittsbevölkerung sich in der niedrigeren SMR bei den höheren Altersgruppen niederschlägt. Es wurde auch inzwischen herausgefunden, daß eine um 20% reduzierte Nahrungszufuhr schützend auf die Krebsentstehung wirkt. Ob das Gewicht ein Resultat der fettarmen und fleischlosen Ernährung ist oder ob die Personen, die vegetarische Ernährungsweisen bevorzugen, nicht zu Übergewicht neigen, kann hier nicht geklärt werden. Ebenso kann die entsprechende Frage, ob die Lebensweise oder die Selektion der Personen, die zu einer solchen Lebensweise neigen, oder ob vielleicht beides zu einem niedrigeren Sterberisiko geführt hat, nicht beantwortet werden.
Zusammenfassend konnte man mit den Ergebnissen der Auswertung der 5-Jahres-Mortalität bei den Vegetariern ein im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung sehr niedriges Sterberisiko feststellen, auch wenn die tatsächliche Auswirkung auf ein begünstigtes Überleben infolge der kurzen Beobachtungszeit von 5 Jahren noch nicht mit Sicherheit festgelegt werden kann. Inwiefern die eigentliche Lebensweise (Vegetarismus) oder besondere Eigenschaften der Personen, die sich für einen solchen Lebensstil entscheiden, beim erniedrigten Sterberisiko eine Rolle spielen, kann diese Studie nicht beantworten.
Die dritte Phase der Studie, die Speichelprobenuntersuchung, soll uns brauchbare Werte über die Nitrit/Nitrat-Spiegel im Speichel liefern, die möglicherweise als Risikoindikator für eine endogene Exposition zu Nitrit dienen können. Sollten die Erwartungen an eine solche Indikatorfunktion erfüllt werden, dann hätte man einen biologischen Parameter, der u.U. auch Hinweise auf das Risiko für bestimmte Krebsformen geben könnte.
Beabsichtigt ist nun, im Anschluß an
diese erste eine weitere 5-jährige Beobachtungsperiode abzuwarten und eine
Mortalitätsanalyse durchzuführen, die dann einen Zeitraum von 10 Jahren
umfaßt. Die dann vorliegende 10-jährige Beobachtungsdauer wird eine
bessere Schätzung der relativen Senkung der Mortalität sowie eine
Aussage über mögliche bedeutsame Unterschiede zwischen der Sterblichkeit
der strengen und der weniger strengen Vegetarier erlauben.
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von Dr. med. Heinz Fahrner* (* Der Vegetarier 2/87)
Das Resultat wissenschaftlicher und statistischer Untersuchungen hängt ganz wesentlich von der Fragestellung ab. Deshalb begrenzt allein die Art der Fragestellung das Endergebnis solcher Untersuchungen in ganz spezifischer Weise. Auf die Frage der prospektiv epidemiologischen 5-Jahresstudie des Heidelberger Krebsforschungszentrums nach den Erkrankungs- und Sterblichkeitsraten, den häufigsten Todesursachen unter Vegetariern im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung der Bundesrepublik Deutschland, ergibt sich eine eindeutig positive Antwort zugunsten der vegetarischen Lebensweise. Wie im Detail dort nachzulesen, fand sich, auch unter Einbeziehung vergleichbarer amerikanischer Studien, die Mortalitätsrate der Vegetarier sowohl an Herz-Kreislauf- wie auch an Krebserkrankungen gegenüber dem Bundesdurchschnitt erheblich erniedrigt. Ausnahmen bei Männern: die Erkrankungen am Magen-Carcinom und allgemein an seltenen Gehirntumoren. Außerdem ergaben sich Unterschiede durch die Unterteilung in die zwei Gruppen der strengen bzw. der weniger strengen Vegetarier.
Aus den Ergebnissen läßt sich nicht ablesen, ob allein der Verzicht auf tierisches Eiweiß in wechselndem Ausmaß (siehe die beiden unterschiedlichen Gruppen) bestimmend für die günstigen Resultate waren. Sie zeigen jedoch auf, daß sich Vegetarier erstens in hohem Prozentsatz auch von Genußgiften entweder total oder sehr deutlich in folgender Reihenfolge: Nikotin/Alkohol/Coffein, distanzieren, daß sie zweitens sich größtenteils um aktive Körperkultur und Naturverbundenheit bemühen und daß sie drittens bestimmten gesellschaftlichen Schichten und Berufsgruppen angehören.
Jeder dieser drei Punkte ist bekanntermaßen auch für sich allein von bedeutendem Einfluß auf die Morbiditäts- und Mortalitätsrate. Sie lassen sich in dieser Statistik nicht voneinander abgrenzen. Deshalb müssen alle Verhaltensformen (Einstellung zu Eßgewohnheiten, zur Körperkultur und zu Genußgiften sowie die Zugehörigkeit zu Berufsgruppen) generell hinterfragt werden. Und da stoßen wir endlich auf den tragenden Grund, nämlich die geistige Einstellung zum Leben in jeder Hinsicht, die wohl bei den meisten Vegetariern die entscheidende Rolle spielt. Um diesen entscheidenden Punkt aufzuklären, wären andere und weiterführende Fragestellungen erforderlich.
Man sieht einmal mehr: Statistiken sind wie Bikinis, was sie zeigen, ist faszinierend, aber was sie verbergen, ist lebenswichtig.
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DIE BERLINER VEGETARIER-STUDIE
Prof. Dr. H. Rottka, Berlin
Vegetarier-Studie des Bundes-Gesundheitsamtes
Inhalt:
a)
Einfluß auf die Versorgung mit einzelnen Nährstoffen
Protein
Kalzium
Eisen
Vitamin B12
b)
Einfluß auf Risikofaktoren
Körpergewicht
Blutdruck
Triglyceride (Neutralfette)
Lipoproteine
Cholesterin
und Fettsäuren
Körperliche
Aktivität
Rauchen, Alkoholkonsum
c) Einfluß
auf Krankheitsbilder
Koronare Herzkrankheiten
Krankheiten des
Gastrointestinaltraktes
Hyperuricämie
Nierenfunktionsstörung
Im Frühjahr 1981 wurde die Berliner Vegetarier-Studie des Bundesgesundheitsamtes begonnen. Dabei handelt es sich um eine Querschnittsuntersuchung an zunächst 123 mindestens seit fünf Jahren vegetarisch lebenden, in Berlin wohnenden Personen, die im „matched pair"-Verfahren mit gesundheits-, und ernährungsbewußten Fleischessern verglichen wurden. Die Kontrollpersonen waren gleich bezüglich Geschlecht, Alter (± 3 Jahre), Körpergröße, Schulabschluß und hatten ähnliche Berufe. Das überprüfte Ernährungswissen war in beiden Gruppen gleich.
Die ersten Ergebnisse zeigten bei den Vegetariern günstigere Werte bezüglich Blutdruck, Körpergewicht, Krankheitshäufigkeit, Rauch- und Trinkgewohnheiten, Cholesterin HDL/Cholesterin, Triglyceride, Harnsäure, Kreatinin u.a.m.; Albumin, Hämoglobin und Serumeisen waren bei den Männern nicht, bei den Frauen nur geringfügig niedriger als bei den Kontrollpersonen.
Überraschend waren die durch eine gesonderte Untersuchung gewonnenen Nierenfunktionswerte der Vegetarier, die unter Eiweißbelastung größere „Reserven" aufwiesen.
Die Probanden von 1981 wurden im April/Mai 1985 nochmals untersucht. Seit Oktober 1985 läuft eine bezüglich der Untersuchung erweiterte Studie nunmehr an 333 Vegetariern und der entsprechenden Zahl Kontroll-Personen. Die Auswertungen der beiden Gruppen liegen frühestens Ende 1987 vor. Die dann zur Verfügung stehenden Daten von jeweils 400 langjährigen Vegetariern und Vergleichspersonen werden endgültig Aussagen darüber erlauben, ob die bis jetzt erkannten gesundheitlichen Vorteile als gesichert gelten können.
Seit den 60er Jahren steigt in der Bundesrepublik Deutschland die Zahl der Menschen, die Fleisch- und Fischverzehr ablehnen, an. Nach einer im Frühjahr 1986 von der GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) durchgeführten Erhebung an einer repräsentativen Stichprobe ernähren sich 0,8% der deutschen Wohnbevölkerung zwischen 16 und 69 Jahren vegetarisch. Die Zahl der Veganer wird sich auf einige Tausend beschränken.
In der ganzen Welt dürfte sich eine knappe Milliarde Menschen vegetarisch ernähren, der überwiegende Teil allerdings unfreiwillig aus wirtschaftlich-finanziellen oder klimatischen Gründen. Dabei gibt es keine festen Abgrenzungen zwischen den einzelnen Gruppen. Die Mehrzahl der amerikanischen Adventisten lebt beispielsweise lacto-vegetarisch, ein kleiner Teil sind Veganer. Deutsche Adventisten essen vielfach gemischte Kost. Relativ einheitlich wird bei fast allen Gruppen eine Vorliebe für Rohkost gefunden.
Aus älteren Veröffentlichungen ist zu ersehen, daß die vegetarische Ernährung früher von ihren Anhängern überwiegend ethisch begründet wurde. Nach der Befragung in der Berliner Studie stehen heute gesundheitliche Gründe an erster Stelle. So wurden ethische und religiöse Überzeugungen an zweiter Stelle angeführt (76% zu 73% bei Männern, 72% zu 66% bei Frauen).
Es ist oft behauptet worden, vegetarische Kost verursache Mangelernährung. Diese Behauptung trifft für die (ovo-)lactovegetarische Ernährung nicht zu. Das Weglassen von Fleisch und Fisch bei einer im übrigen abwechslungsreichen Kost mit den biologisch hochwertigen Eiweißträgern Milch und Eiern führt ernährungsphysiologisch zu keiner Fehlernährung. Die (ovo-)lactovegetarische Ernährung ist eine vollwertige Kost. Sie kann höchstens bei einseitiger Handhabung zu Unterversorgung mit einzelnen Nährstoffen (z.B. Calcium, Eisen) führen, was aber auch bei der sogenannten Normalkost vorkommt. Die (ovo-) lactovegetarische Ernährung hat somit keine bekannten Nachteile, bietet aber eine Reihe von Vorteilen, auf die noch eingegangen wird. Sie ist als Dauerernährung für den Erwachsenen geeignet und empfehlenswert.
Dagegen kann die veganische Ernährung, die auf jede Zufuhr von Milchprodukten und Eiern verzichtet, ernährungsphysiologisch zu Mangelerscheinungen führen, vor allem bezüglich Protein, Eisen, Calcium und Vitamin B12. Die vegetarische Kost der Veganer kann nur bei überlegter, sachkundiger Zusammenstellung empfohlen werden. Grundsätzlich sollte z.Zt. eine zusätzliche Vitamin B12-Zufuhr in medikamentöser Form in Betracht gezogen werden.
Säuglinge und wahrscheinlich auch Kleinkinder sind mit veganischer Kost gefährdet. Auch schwangeren und stillenden Frauen ist z. Zt. von veganischer Kost abzuraten.
| Tab. 1 | ||||||
| Klinisch-chemische Meßgrößen bei männlichen Vegetariern und Nicht-Vegetariern in der Berliner Studie (x = Mittelwert, s = Standardabweichung). | ||||||
| Meßgröße | Zahl der Vergleichspaare | Vegetarier | Nichtvegetarier | Dimension | ||
| x |
s |
x |
s |
|||
| Gesamtcholesterin*** | 39 | 195 | 41 | 232 | 49 | mg/dl |
| HDL-Cholesterin° | 34 | 47 | 12 | 49 | 13 | mg/dl |
| HDL-Chol./Ges.-Chol.° | 34 | 0,25 | 0,08 | 0,22 | 0,06 | - |
| Triglyceride** | 36 | 89 | 42 | 143 | 98 | mg/dl |
| Apollpo-protein A** | 32 | 2,55 | 0,88 | 3,11 | 1,35 | g/l |
| Apolipoprotein B* | 30 | 0,98 | 0,25 | 1,18 | 0,3 | g/l |
| Harnsäure* | 38 | 5,0 | 1,2 | 5,6 | 1,2 | mg/dl |
| Kreatinin* | 28 | 0,95 | 0,13 | 1,04 | 0,15 | mg/dl |
| Gamma-GT*** | 36 | 13,9 | 24,0 | 16,3 | 9,9 | U/l |
| Albumin° | 39 | 44,3 | 1,9 | 45,2 | 2,1 | g/l |
| Eisen° | 39 | 92 | 34 | 92 | 32 | µg/dl |
| Eisenbindungskapazität° | 39 | 318 | 44 | 310 | 40 | µg/dl |
| Tab. 2 | ||||||
| Klinisch-chemische
Meßgrößen bei weiblichen Vegetariern und Nicht-Vegetariern
in der Berliner Studie (x = Mittelwert, s = Standardabweichung). |
||||||
| Meßgröße | Zahl der Vergleichspaare | Vegetarier | Nichtvegetarier | Dimension | ||
| x |
s |
x |
s |
|||
| Gesamtcholesterin*** | 64 | 213 | 47 | 236 | 47 | mg/dl |
| HDL-Cholesterin° | 57 | 61 | 13 | 58 | 15 | mg/dl |
| HDL-Chol./Ges.-Chol.° | 57 | 0,3 | 0,08 | 0,26 | 0,08 | - |
| Triglyceride*** | 58 | 81 | 33 | 123 | 94 | mg/dl |
| Apollpo-protein A** | 51 | 2,62 | 0,51 | 2,67 | 0,46 | g/l |
| Apolipoprotein B* | 48 | 0,95 | 0,34 | 1,12 | 0,3 | g/l |
| Harnsäure* | 63 | 4,1 | 0,8 | 4,5 | 1,3 | mg/dl |
| Kreatinin* | 55 | 0,81 | 0,13 | 0,92 | 0,24 | mg/dl |
| Gamma-GT*** | 56 | 8,8 | 5,3 | 18,3 | 42,4 | U/l |
| Albumin° | 64 | 43,2 | 2,3 | 43,7 | 1,8 | g/l |
| Eisen° | 64 | 80 | 29 | 91 | 33 | µg/dl |
| Eisenbindungskapazität° | 64 | 335 | 100 | 302 | 51 | µg/dl |
Tab. 1 + 2
( x = Mittelwert = bedeutet x mit einem Strich
darüber, kann vom Zeichensatz im Internet nicht dargestellt werden)
Wilcoxon-Paardifferenzen-Test zweiseitig
° nicht signifikant
* signifikant auf dem 5%-Niveau
** signifikant auf dem 1%-Niveau
*** signifikant auf dem 0,1%-Niveau
Im folgenden wird aufgrund der bisher verfügbaren Forschungsergebnisse der Einfluß einer vegetarischen bzw. veganischen Ernährungsweise auf einzelne physiologische Werte sowie Ausprägung bestimmter Risikofaktoren und Krankheitsbilder dargestellt. Dabei werden insbesondere auch Daten der in Berlin durchgeführten Querschnittsstudie verwendet. Hierbei wurden rund 100 Vergleichspaare von Vegetariern/Veganern und Nicht-Vegetariern einander gegenübergestellt. Die Zuordnung der Partner ist eingangs dargestellt worden. Das Alter der Probanden lag zwischen 21 und 77 Jahren.
Die Studie ist inzwischen auf rund
400 Paare erweitert worden. Die noch nicht ausgewerteten Daten bestätigen
die Tendenz der hier vorgetragenen Ergebnisse.
Der Einfluß der vegetarischen bzw. veganischen Ernährung auf Nährstoff-Versorgung,
Risikofaktoren und Krankheitsbilder
a) Einfluß auf die Versorgung mit einzelnen Nährstoffen
Protein
Bei richtiger Zusammensetzung der Nahrung führt
weder die vegetarische noch die veganische Kost zu negativen Stickstoffbilanzen.
Für Veganer erfordert dies eine spezielle Auswahl bzw. Zusammenstellung
der Proteinquellen. Ob Heranwachsende mit veganischer Kost ohne Proteinbeimischungen
ernährt werden können, steht noch nicht eindeutig fest, Säuglinge
sollten nach dem Abstillen keinesfalls veganisch ernährt werden. Beim Verzehr
von Rohkost ist Maßhalten geboten, weil verschiedene Proteine aus pflanzlichen
Nahrungsmitteln nur - oder wesentlich besser - in gekochtem Zustand erschlossen
werden.
Kalzium
Die Kalzium-Versorgung ist bei (ovo-)lacto-vegetarischer
Kost die gleiche wie bei Mischkost. Bei der üblichen Ernährung stammen
ohnehin 60% des Kalziums aus Milch und Milchprodukten und nur knapp 20% aus
Getreide, Gemüse, Kartoffel und Obst. Bei den Veganern dürfte es selbst
bei Bevorzugung kalziumreicher pflanzlicher Lebensmittel, wie z.B. Nüssen,
Feigen, Soja usw. rein rechnerisch zu einer Unterversorgung mit Kalzium kommen.
Da mit niedriger Kalziumzufuhr die Resorptionsrate aber deutlich ansteigt, können
auch Vegetarier bei richtiger Zusammenstellung ihrer Kost ausgeglichene Kalziumbilanzen
mit 200 mg pro Tag erreichen. Zusätzlich wird von Personen mit geringer
Proteinaufnahme, besonders bei Vermeidung von tierischem Protein, auch weniger
Kalzium ausgeschieden. Genaue Kalziumbilanzen bzw. Langzeituntersuchungen auf
Kalziummangelerscheinungen bei Vegetariern sind nicht bekannt.
Eisen
Eisen wird aus pflanzlicher Nahrung, die ohnehin
wenig Eisen enthält, schlechter resorbiert als aus tierischen Nahrungsmitteln.
Die Resorption von Eisen pflanzlicher Herkunft läßt sich durch die
gleichzeitige Aufnahme von Eiweiß tierischen Ursprungs verbessern. Unsere
Untersuchungen ergaben niedrigere Eisen- und Hämoglobinwerte bei weiblichen
Vegetariern. Klinisch verwertbare Folgerungen konnten daraus jedoch nicht gezogen
werden. Zudem tritt in letzterer Zeit eine andere Bewertung des sogenannten
Eisenmangels in den Vordergrund. Es gibt sogar Wissenschaftler, die niedrigeres
Serumeisen für gesundheitlich vorteilhaft halten. Die Untersuchungen darüber
sind jedoch noch nicht abgeschlossen.
| Tab. 3 | ||||||
| Hämatologische Meßgrößen bei männlichen Vegetariern und Nicht-Vegetariern in der Berliner Studie (x = Mittelwert, s = Standardabweichung). | ||||||
| Meßgröße | Zahl der Vergleichspaare | Vegetarier | Nichtvegetarier | Dimension | ||
| x |
s |
x |
s |
|||
| Hämoglobin | 35 | 15 | 1,3 | 15,2 | 1,2 | g/dl |
| Erythrozyten | 35 | 4,92 | 0,42 | 4,94 | 0,35 | 1012/l |
| Zellpackungsvolumen | 35 | 0,421 | 0,034 | 0,426 | 0,033 | (I/I) |
| Mittleres Zellhämoglobin Hb | 35 | 30,7 | 1,4 | 30,8 | 1,6 | pg |
| Tab. 4 | ||||||
| Hämatologische Meßgrößen bei weiblichen Vegetariern und Nicht-Vegetariern in der Berliner Studie (x = Mittelwert, s = Standardabweichung). | ||||||
| Meßgröße | Zahl der Vergleichspaare | Vegetarier | Nichtvegetarier | Dimension | ||
| x | s | x | s | |||
| Hämoglobin | 58 | 13,1 | 0,9 | 13,6 | 0,9 | g/dl |
| Erythrozyten | 58 | 4,36 | 0,37 | 4,48 | 0,31 | 1012/l |
| Zellpackungsvolumen | 58 | 0,376 | 0,025 | 0,388 | 0,025 | (I/I) |
| Mittleres Zellhämoglobin Hb | 58 | 30,3 | 2,3 | 30,5 | 1,5 | pg |
Tab. 3+4
Wilcoxon-Paardifferenzen-Test zweiseitig
e nicht signifikant
* signifikant auf dem 5%-Niveau
** signifikant auf dem 1%-Niveau
*** signifikant auf dem 0,1%-Niveau
Vitamin B12
Für die Vitamin B12-Zufuhr ist der Mensch
so gut wie ausschließlich auf Nahrungsmittel tierischer Herkunft angewiesen.
In Pflanzen und Hefe kommt Vitamin B12 nicht vor*(*siehe
Kommentar). Die Produktion von Vitamin B12 im Dickdarm ist für die Vitamin-Versorgung
ohne Bedeutung, da die Resorption des Cobalamins ausschließlich im Dünndarm
erfolgt. Die in der Leber bei gemischter Kost entstehende Reserve an Vitamin
B12 ist in der Lage, für mehrere Jahre ausreichende Mengen zur Verfügung
zu stellen. Milch und insbesondere Milchprodukte enthalten relativ viel Vitamin
B12, so daß bei (ovo-)lactovegetarischer Ernährung nicht mit einer
Unterversorgung gerechnet werden muß. Die von uns untersuchten Veganer
hatten Vitamin B12-Werte, die um den unteren Normwert lagen. Die Frage, warum
eine große Anzahl von Veganern trotz Vitamin B12-Mangel ein Leben lang
keine Mangelsymptome entwickeln und nur wenige Personen Vitamin B12-Substitution
benötigen, konnte bisher nicht beantwortet werden. Die wahrscheinlichste
Erklärung ist, daß das Vitamin B12 im Dünndarm der Veganer bakteriell
doch in ausreichender Menge produziert und resorbiert wird.
Körpergewicht
Im Vergleich zu Nicht-Vegetariern haben die
Vegetarier ein geringeres Körpergewicht, sie sind aber nicht untergewichtig,
sondern „ideal"-gewichtig.
Blutdruck
In der Berliner Untersuchung weisen sowohl
die gemessenen Werte wie auch die eigenanamnestischen Angaben der Probanden
auf eine niedrigere Lage des Blutdruckes bei Vegetariern hin.
Triglyceride (Neutralfette)
Die Berliner Studie ergab bei Ovo-Lacto-Vegetariern
niedrigere Triglyceridwerte als bei Nicht-Vegetariern.
Lipoproteine
Über den Einfluß der vegetarischen
Ernährung auf die Lipoproteine und deren Cholesteringehalt existieren z.Zt.
nur wenige Untersuchungen. Die bisher vorliegenden Ergebnisse deuten darauf
hin, daß die Risikofaktoren für Herz-Kreislaufkrankheiten (LDL-Cholesterin,
Apo-Lipoprotein B, HDL-Cholesterin, Apo-Lipoprotein A) geringer sind. Das zeigte
auch die Berliner Studie.
Cholesterin und Fettsäuren
Cholesterin ist ein Produkt des tierischen
Stoffwechsels. Pflanzen und Mikroorganismen können kein Cholesterin synthetisieren.
Rund 50% des Nahrungscholesterins stammt aus Fleisch und Fleischprodukten, so
daß (Ovo-) Lacto-Vegetarier deutlich weniger Cholesterin mit Nahrungsmitteln
verzehren. Auch der hohe Konsum an gesättigten Fettsäuren, der für
die bei den Bewohnern der Industrieländer meist erhöhten Serumcholesterinspiegel
hauptsächlich verantwortlich gemacht wird, beruht zum überwiegenden
Teil auf dem Verzehr von Wurst und Fleisch. In der Berliner Studie wurden bei
den (Ovo-)Lacto-Vegetariern und Veganern deutlich niedrigere Serumcholesterinwerte
gefunden.
Verminderter Fett- und Cholesterinkonsum sind
sicher nicht monokausal für die geringeren Cholesterinkonzentrationen der
Vegetarier verantwortlich. Möglicherweise ist eine gewisse cholesterinsenkende
Wirkung der pflanzlichen Proteine und der Ballaststoffe mitbeteiligt.
Körperliche Aktivität
Entgegen üblichen Anschauungen zeigen
sich in der Berliner Untersuchung bei (Ovo-) Lacto-Vegetariern und Veganern
keine wesentlichen Unterschiede der körperlichen Aktivität gegenüber
einer gesundheitsbewußten Nicht-Vegetarier-Gruppe, wenn sportliche Betätigung
und normale tägliche Bewegung verglichen werden.
Rauchen, Alkoholkonsum
(Ovo-)Lakto-Vegetarier, besonders aber Veganer,
rauchen praktisch nicht. Auch Alkoholkonsum kommt ausgesprochen selten vor.
In der Berliner Studie fanden sich bei der gesamten vegetarischen Gruppe nur
8% männliche und 3% weibliche Raucher. Alkoholische Getränke tranken
„häufiger" von den männlichen Vegetariern 22% bis 5%. Die entsprechenden
Werte für die Frauen lauten 5% bis 2%. Die gemessenen höheren Werte
des Leberenzyms GT bei Nicht-Vegetariern sprechen für einen stärkeren
Alkoholkonsum dieser Gruppe.
| Tab. 5 | ||||
| Eigenanamnestische Angaben von Vegetariern und Nicht-Vegetariern nach Selbstausfüllfragebogen in der Berliner Studie (Angaben in Prozent). | ||||
| Hat Ihnen Irgendwann einmal ein Arzt gesagt, Sie hatten eine der folgenden Krankheiten? | ||||
| Eigenanamnese | Geschlecht | Zahl der Vergleichspaare | Vegetarier | Nicht-Vegetarier |
| Zuckerkrankheit | männlich | 39 | 0 | 2,6 |
| weiblich | 63 | 3,2 | 6,4 | |
| Bluthochdruck | männlich | 38 | 13,2 | 23,7 |
| weiblich | 63 | 4,8 | 27 | |
| Durchblutungsstörungen des Herzens | männlich | 39 | 2,6 | 15,4 |
| weiblich | 64 | 17,2 | 29,7 | |
| Krankheiten der Niere, Harnwege | männlich | 39 | 15,4 | 12,8 |
| weiblich | 64 | 28,1 | 31,3 | |
| Krankheiten der Leber, Gallenblase, Bauchspeicheldrüse oder Gallenwege | männlich | 39 | 12,8 | 25,69 |
| weiblich | 64 | 35,9 | 37,5 | |
| Harnsäureerhöhung, Gicht | männlich | 39 | 7,7 | 12,8 |
| weiblich | 64 | 9,4 | 17,2 | |
| Haben oder hatten Sie Beschwerden im Brustkorb, z.B. Schmerzen, Stiche, Druck - Schweregefühl? | männlich | 38 | 5,3 | 47,4 |
| weiblich | 62 | 29 | 51,6 | |
c) Einfluß auf Krankheitsbilder
Koronare Herzkrankheiten
Die koronare Herzkrankheit ist ein
multifaktorielles Geschehen. Neben den bekannten Risikofaktoren erster Ordnung
(Hypercholesterinämie, inhalierendes Zigarettenrauchen und Bluthochdruck)
sowie zweiter Ordnung (Übergewicht und Diabetes mellitus) spielen zweifellos
auch Verhaltensweisen wie körperliche Inaktivität, Streß usw.
eine Rolle.
Bei (Ovo-)Lacto-Vegetariern und Veganern
sind nach unseren Untersuchungen, aber auch nach anderen Untersuchungen, mindestens
die Risikofaktoren erster Ordnung sowie Übergewicht wesentlich weniger
häufig als bei Nicht-Vegetariern. Nach den eigenanamnestischen Angaben
der Probanden der Berliner Studie scheinen Zusammenhänge zwischen der Ernährung
und der Häufigkeit von Herzbeschwerden zu bestehen.
Krankheiten des Gastrointestinaltraktes
Alle Typen von Vegetariern verzehren
erheblich größere Mengen pflanzlicher Nahrungsmittel und damit mehr
Ballaststoffe als der Durchschnitt der Bevölkerung. Da Ballaststoffe in
erster Linie die Passage des Darminhaltes beschleunigen, ist die Häufigkeit
von Divertikulose des Kolon, Gallensteinen und Kolonkarzinomen vermindert. Gastrointestinale
Beschwerden werden von den Berliner Vegetariern signifikant weniger angegeben.
Hyperuricämie
In der Literatur finden sich vereinzelt
Hinweise darauf, daß Gicht bei Vegetariern seltener vorkommt. Die Berliner
Untersuchungen weisen sowohl in den eigenanamnestischen Angaben als auch bei
den biochemischen Daten in diese Richtung.
Nach heutigem wissenschaftlichen Kenntnisstand ist die Versorgung mit Vitamin B12 neben zahlreichen Vorteilen die einzige mögliche Schwachstelle einer veganen Ernährungsweise und sollte deshalb in regelmäßigen Abständen (z.B. einmal im Jahr) ärztlich überprüft werden.
Auf der Basis der Studie
der ADA (American Dietetic Association) vom Juni 2003 kann die folgende Aussage
gemacht werden: Vitamin B12 kommt vermutlich nur in tierischen Produkten vor
bzw. die Mengen, die in pflanzlichen Produkten (durch Bakterien) enthalten sind,
sind zu niedrig oder nicht in der benötigten Form, um einen echten Beitrag
zur Vitamin B12-Versorgung zu leisten. Ovo-lacto-Vegetarier erhalten in der
Regel durch den Konsum der tierischen Produkte genügend B12. Es wird empfohlen,
dass alle Vegetarier, die kaum oder gar keine (Veganer) tierischen Produkte
essen, Vitamin B12-angereicherte Produkte oder B12-Präperate konsumieren
sollten. Allerdings wird auch allen Personen (also auch Fleischessern) über
50 Jahre empfohlen, B12-Präperate zu sich zunehmen. Die Vitamin B12-Versorgung
ist also kein rein veganes Problem.
Das Vitamin wird am besten aufgenommen, wenn man öfters kleine Mengen davon
konsumiert. Zu beachten ist bei dieser Aussage noch, dass in den USA bereits
sehr viele Nahrungsmittel mit diesem Vitamin angereichert werden und das B12-Problem
erst akut wurde, seit die Nahrungsmittel industriell verarbeitet werden und
extrem rein sind. Dadurch fehlen die nötigen Bakterien, welche das B12
produzieren können, in der heutigen Nahrung in den Industrienationen weitgehend.
Originaltext auf: www.vegfamily.com/articles/ada-paper.htm
http://www.eatright.org/ada/files/veg.pdf
Deutsche Übersetzung auf: www.vebu.de/gesundheit/Positionspapier_ADA_Vegetarische_Ernaehrung_2003.htm
Vegetarier-Bund
Deutschlands e.V., Blumenstr. 3, 30159 Hannover, Tel. 0511-3632050, Fax 0511-3632007,
www.vegetarierbund.de
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