Vegetarier-Bund Deutschlands e.V.

Alle Lebewesen achten, Teil 9

Joachim Berger

Die vegetarische Kommune der Pythagoräer

Es wandert ein Mann am Meer entlang. Da sieht er Fischer am Strand, die holen ihre Netze ein. Netze, prall gefüllt.

»Auf den Fisch genau werde ich die Anzahl eurer Gefangenen prophezeien!« Ungläubiges Schweigen. Verblüfft blicken ihm die Leute ins Gesicht und schütteln ihre Köpfe. Schier unmöglich! Einer findet die Worte wieder und spricht: »Wenn Du das wirklich vermagst, dann sei Dir jeglicher Wunsch gewährt.« Ohne zu zögern, nennt der seltsame Fremde eine Zahl. Die Fischer ziehen ihren Fang an Land und beginnen nachzuzählen. Offener und offener werden die Münder, denn etwas Unfassbares stellt sich heraus: die vorhergesagte Menge, sie stimmt.

Und weiter noch wächst die Verwunderung, als der Unbekannte seinen soeben gewonnenen Wunsch äußert: »Werft die Fische zurück ins Wasser!« Hat man so etwas schon gehört? Da ernähren sich Menschen seit Menschengedenken vom Leben des Meeres, und dann kommt einer daher mit der Bitte, die fast wie eine Forderung klingt: »Werft die Fische zurück ins Wasser!« Rasch würde sich das anfängliche Erstaunen in Wut verwandeln, hätte nicht der Wanderer bereitwillig den Geldbeutel gezückt. Den gesamten Fang bezahlt er auf Heller und Pfennig, bevor er wohlgemut seinen Weg fortsetzt. Und auch die Meerestiere, von denen keines auf dem Trockenen bleiben muss, können munter ihrer Wege schwimmen. Wer mag das sein, dieser merkwürdige Mann, so fragen sich die Fischer von Kroton und schauen ihm lange nach. Sie werden noch von ihm hören! Wie ein Lauffeuer geht die Neuigkeit durch das süditalienische Städtchen. Ein Fremder ist angekommen, auffällig sein hoher Wuchs und eindringlich seine klare Stimme. Ein Zauberer, sagen die einen, ein Seher, ein Prophet. Ein Fürsprecher der gefangenen Fische, sagen andere, ein Beschützer aller gejagten Tiere. »Fort die Netze, die Fallen, die Schlingen, die Listen und Tücken,« solche Worte soll er ausgerufen haben (Ovid, Metamorphosen). »Täuscht den Vogel nicht mit der leimbestrichenen Rute, schließt den Hirsch nicht ein in die schreckenflitternden Federn, verbergt nicht den Haken der Angel in trügerischer Speise.« Gerüchte eilen von Haus zu Haus. Alle Vierbeiner, alle Gefiederten, alle Geschuppten, alle Wesen des Wassers, des Landes und der Lüfte seien ihm untertan. Er kenne ihre Sprache und wisse ihre wilde Natur zu zähmen. Da soll einst eine Bärin gewesen sein, reißend und roh, die verbreitete Furcht und Schrecken. Ruhigen Schrittes sei der Fremde auf sie zugegangen, habe eine Hand auf ihren zotteligen Pelz gelegt und mit der anderen Waldfrüchte gereicht. Die Gefahr war gebannt. Da soll einmal ein Ochse gewesen sein, der fraß die Bohnen von den Feldern. Sacht näherte sich der Fremde und flüsterte vertrauliche Worte in sein Ohr. Niemand verstand (nur der Ochse). Von Stund' an blieben die Bohnen verschont. Da soll ein Adler gewesen sein, der kreiste majestätisch hoch am Himmel. Einfach den rechten Arm habe der Fremde gehoben und den König der Vögel zu sich herab gerufen. Auf seine Schulter! Über den Marktplatz schwirren die Fragen wie Fliegenschwärme. Wo kommt er her, dieser Wundertäter? Was will er hier? Wie lautet sein Name? Und wie die Fragen, so schwirren auch die Antworten. Pythagoras soll er heißen und von der Insel Samos stammen, Sohn des Kaufherrn Mnesarchos, geboren um das Jahr 580 (v. Chr.). Ein Gebildeter in Geometrie, in Astronomie, in Philosophie. Ein Weitgereister von der Ägäis über Phönizien bis an den Nil. Erst Lehrjahre bei den ägyptischen Mysterienmeistern, dann jähre der Gefangenschaft in Babylon, die auch recht lehrreich waren. Die geheimen Kulte der assyrischen Magier, den Kampfgeist der persischen Zarathustra-Priester, die Sanftmut der indischen Brahmanen im Reisegepäck - so war der wahrlich Bewanderte um das Jahr 520 hier eingetroffen.

Kroton, heute »Crotone« (beim nächsten Italienurlaub nicht zu vergessen!), eine von Griechen gegründete und besiedelte Hafenstadt. Berühmt für die heilkundliche Schule des Demokedes wie auch für MiIon, Iccos, Crison und Astyle, ihre olympisch siegreichen Athleten. Pythagoras nimmt Unterkunft im Hause des Brontinus, einem namhaften Mediziner, und macht schnell von sich reden. Im wahrsten Sinne des Wortes. Vier Ansprachen vor vier Auditorien hält der religiöse und ethische Reformer gleich in den ersten Tagen. Vor dem Rat der Tausend, den politisch Führenden,

fordert er Gerechtigkeit bis hin zum letzten Bürger. Jugendliche, in einer Turnhalle versammelt, sehen sich ermuntert, Freunde so zu behandeln, dass diese nicht feindlich werden, und Feinde so, dass jene bald Freunde sind. Kinder im Apollo-Tempel hören sich ermahnt, Schimpfworte niemals mit Schimpfworten zu vergelten. Frauen im Hera-Tempel erhalten die Aufforderung, in Zukunft nur blutlose Opfer darzubringen; nicht Lämmer noch Böcke erfreuen die Götter, sondern Hirse und Honig, Weihrauch und Myrrhe.

Pythagoras registriert im Publikum positive Resonanz. Gleichwohl gibt es bei seinen Lehrreden einen Punkt, der immer wieder auf Unverständnis stößt. »Höret auf, ihr Sterblichen, den Leib mit widerwärtiger Nahrung zu beschmutzen«, soll er (laut Ovid) seine Mitbürger beschworen haben. »Nicht mit Schlachten und mit blutbeschmierten Händen bereitet euer Mahl.« Die Leute von Kroton liebten es, Fische und Muscheln aufzutischen, auch Hühner und Enten, Schafe und Ziegen. Nun mussten sie sich sagen lassen: »Oh welch ein Frevel, wenn Eingeweide begraben werden in Eingeweiden und ein gieriger Leib einen Leib verschlingend sich mästet.«

Ein Satz, an die Honoratioren der Stadt gerichtet, erregte besonderes Aufsehen (und Aufhorchen): Gerade die Mächtigen, die Gesetzgeber, die Lenker von Staat und Politik, sollten sich pflanzlicher Ernährung befleißigen. Denn - wie können sie Gerechtigkeit üben gegen jedermann, wenn es ihrem Gefühl an Feinheit fehlt.

Wer solch anstößige Thesen in die Welt setzen will, der benötigt äußerst gute Begründungen. Pythagoras bietet diverse.

• Menschen und Tiere sind miteinander verwandt. Alle gehören zu einer großen Familie.

• Menschen und Tiere tragen in sich etwas grundlegend Gleiches. Alle Wesen bestehen aus denselben Elementen.

• Menschen und Tiere haben eine unsterbliche Seele. Auf großer Wanderschaft! Da wir nicht Leib nur, sondern geflügelte Seelen auch sind, geschieht es, dass unsere Wohnung in wilden Tieren wir finden oder im Leib von zahmen Tieren uns bergen.« Folglich: »Leiber, welche die Seelen vielleicht unserer Eltern und Brüder beherbergen, aber gewiss doch die eines Menschen, die wollen in Ruhe und Ehren wir lassen.«

• Pflanzliche Nahrung fördert die Entfaltung des Geistes. Sie stärkt die Seele in ihrer Souveränität über die Materie des Körpers, über sinnliche Begehrlichkeiten und Leidenschaften. Sie löst das Leben aus der Fremdbestimmung durch die Triebe, der Mensch wird frei für selbst gewähltes Handeln.

Die einen hoben abwehrend die Hände, andere jedoch schlössen sich eng um den großen Gelehrten zusammen. Ein Kreis von 300 »Mathematikoi« entsteht. Keine Mathematik-Studenten im Sinne moderner Qualifizierung, wie der Begriff vermuten läßt, sondern Sucher tiefer Erkenntnis. Pythagoras lehrt, »Freunde mussten alles gemeinsam haben, denn der Freund sei das andere Ich« (Porphyrius). Entsprechend gilt für materiellen Besitz, »dass unter Freunden das Eigentum gemeinsam sei; Freundschaft sei Gleichheit« (Diogenes Laertes). Eine spirituelle Gemeinde wird gegründet, eine Wohnkommune, eine Vereinigung der geistig Strebenden. »Seine Schüler legten Geld und Habe zu seinen Füßen nieder und hatten alle Dinge gemeinschaftlich.« Übergeordnetes Ziel ist die innere Wandlung. Die Verfeinerung des Bewusstseins, die Hinwendung zum höheren Selbst. Diesem Ideal dient die Einteilung des Tages. Die Morgendämmerung beginnt mit einem einsamen Spaziergang, einem Gedanken-Gang; jeder Schüler geht in Stille seinen Gedanken nach. Am Vormittag folgen Stunden des Studiums: Naturbeobachtung, Philosophie, Theologie, Fragen der Ethik. Die Exerzitien des Geistes finden Ausgleich durch die Übungen des Körpers. Laufen, springen, ringen, tanzen, im Wechsel mit Waschungen und Salbungen, formen die Gestalt - äußerlich wie auch innerlich. Nichts Tierisches, nicht Leder noch Wolle tragen die Mathematikoi am Leib. Ihre Bekleidung: leinene weiße Gewänder. Auf Katharsis richten sie das tägliche Bemühen, auf die Reinigung von Denken und Fühlen. Pythagoras preist die förderlichen Speisen: »Früchte des Feldes gibt es, es gibt Früchte der Bäume, welche schwer an den Zweigen hängen, es gibt an den Rebstöcken schwellende Trauben. Kräuter gibt es voll Süße und solche, die durch das Feuer mild werden und weich.« Im Jahre 508 plötzlich geschah es, dass eine aufgeputschte Menschenmenge die Kommune attackierte. Am Versammlungshaus des Milon wurde Feuer gelegt. Hoch züngelten die Flammen bis zum Dach, Dutzende kamen in dem Inferno zu Tode.

Der Grund für diese Bluttat bleibt im Dunkel. Sei es die gekaufte Rache des reichen Cylon, dem Aufnahme in die Schülerschaft verweigert worden war. Seien es politische Intrigen zwischen Patnziern und Plebeern, die einen Sündenbock benötigten. Sei es, dass die seltene Denkweise der Kommunarden, ihre seltsam anmutende Lebensweise zu Feindseligkeit geführt hatte. Fest steht: Die Überlebenden zerstoben in alle vier Winde. Studierte Vagabunden, wandernde Philosophen zogen über die Landstraßen. Eingedenk ihrer verlorenen Gemeinschaft, hinterließen sie

heimliche Zinken an den Wegkreuzungen, Botschaften für Nachfolgende: In dieser Stadt gibt es Gesinnungsgenossen, in jener sind die Einwohner abweisend gesonnen. Bald bildeten sich kleine neue Gemeinden. In Heraclea, in Rhegium, in Metapont, in Tarent, in Theben, in Phlius. Durch acht Jahrhunderte griechischrömischer Antike sollte die philosophische Kraft der Pythagoräer weiterwirken. Große Gestalten wie Empedokles, Sokrates, Platon, Parmenides, Plotin, Porphyrius, Jamblichus, Apollonius, Plutarch ließen die einmal entzündete Fackel der Erkenntnis nicht erlöschen. Und Pythagoras selbst? Sein weiterer Lebensweg ist ungewiss. Auf der Flucht sei er gefangen und getötet worden, so sagen die einen, als der Verfolgte zögerte, ein Bohnenfeld niederzutreten. Porphyrius hingegen berichtet ein geglücktes Entkommen über die Hafenstädte Kaulonia und Lokri nach Tarent. Dikaearch wiederum behauptet, er habe im Musentempel von Metapont Unterschlupf gefunden und sei dort nach vierzigtägigem Fasten gestorben - in Gram um seine verbrannten Gefährten.

a2 + b2 = c2... jeder hat den berühmt gewordenen »Satz des Pythagoras« in der Schule gelernt: »Im rechtwinkligen Dreieck ist das Quadrat über der Hypothenuse gleich der Summe der Quadrate über den Katheten.« Auf dieser geometrischen Grundlage lassen sich Fabriken, Kraftwerke, Wohntürme errichten, wie im modernen Europa im Übermaß bewiesen. Einkaufszentren, Parkhäuser, Müllverbrennungsanlagen ... Gänzlich anders sähe das 20. Jahrhundert aus, hätten wir von Pythagoras nicht nur die Mathematik übernommen. Seine achtunggebietende Grundhaltung gegenüber Mensch und Tier, die auch vor gefangenen Fischen nicht halt machte, wäre die Basis für eine schonende Industriekultur. Mitwelt statt Umwelt. Seine Lehre der Freundschaft und der Freundlichkeit »von allen für alle« (Jamblichus) würde die Temperatur unseres Zusammenlebens wohltuend erhöhen. Vielleicht sollten Mathematiklehrer, parallel zum Lehrsatz über Katheten und Hypothenuse, eine Geschichte erzählen. Es war einmal ein Pythagoräer, der wanderte Jahr um Jahr über die staubigen Straßen Italiens. Im Sinne seines großen Meisters bedacht, keinem Wesen schädlich und einem jeden hilfreich zu sein. Auf die alten Tage nun matt und gebrechlich geworden, findet er Aufnahme in einer Herberge. Sein herannahendes Ende spürend, spricht er zu den Wirtsleuten: »Krank ist mein Leib, leer ist mein Beutel, ich kann eure Fürsorge nicht entgelten. Doch nehmt diese Wachstafel mit meinem Zeichen und stellt sie hinaus an den Wegesrand.« Längst war der Wanderer gestorben und mancher Mond schon voll geworden, da kam ein zweiter Pythagoräer gezogen. Der sah die Tafel, pochte ans Herbergstor und kehrte ein. Hörte, was geschehen. In der Dämmerung des nächsten Morgens brach er auf, um wieder seinen Gedanken nachzugehen. Nicht, ohne zuvor die Auslagen für seinen unbekannten Gesinnungsbruder reichlich erstattet zu haben.

© Joachim Berger

Literaturhinweis:

Pythagoras, der Weise von Samos. Ein Lebensbild von Eduard Baltzer. Reprograph Nachdr. der Ausgabe Nordhausen 1868, Verlag Heilbronn, 2. Aufl. 1987, ISBN 3-923000-40-5

Pythagoras-Biographien der antiken Autoren Jamblichus, Porphyrius und Diogenes Laertes. Dokumentiert in: Kenneth Sylvan Guthrie, The Pythagorean Source-book, Grand Rapids, 1987

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