rezensionen

Das Buch des Monats!
Florentine Fritzen:
Gesünder leben - Die Lebensreformbewegung
im 20. Jahrhundert
Franz Steiner Verlag Stuttgart 2006, 366 S. (gebunden) , ISBN-10: 3515087907, ISBN-13: 978-3515087902, 69 EUR
Auf der letzten Buchmesse entdeckte ich dieses empfehlenswerte Buch. Zunächst hatte es etwas
Bedrückendes, durch mehr als zehn Hallen zu gehen in dem Wissen, fast alle diese Bücher nicht
mehr lesen zu können. Um so sorgfältiger müssen wir auswählen, denn was zählt, ist doch, wo wir nach
jeder Lektüre stehen, wie wir die Welt sehen und wie wir jetzt und künftig handeln. Dazu gab es viele Anregungen. Eine
davon war Florentine Fritzens Dissertation in „Neuerer Geschichte“ an der Universität Frankfurt. Dieses
Buch behandelt die knapp hundertjährige Epoche der Lebensreformbewegung. Die Verfasserin hat viele Archive und besonders das Archiv der Reformhaus-Fachakademie Oberursel mit seinem
großen Zeitschriftenbestand (von „Thalysia“ über die „Eden-Hauspost“ bis zur „Vegetarischen
Warte“) und die fast unerschöpfl iche Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt ausgewertet. So konnte sie ihr umfangreiches
Werk mit präzisen Quellenangaben in 1.500 Fußnoten, einem Literaturverzeichnis von 23 Seiten
Umfang und einem sorgfältigen Personenregister ausstatten. Sie war dabei nicht nur fl eißig, sondern
auch sehr kompetent. Da mir eine Kurz-Rezension vorgegeben ist, hebe ich wenige Punkte hervor.
Deutlich wird herausgearbeitet, dass die thematisierte Reformbewegung ein fast unüberschaubares
Gebilde war, weil nach 1890 viele, ideologisch oft sehr unterschiedliche Gruppen eine Gesellschaftsveränderung
durch „Lebensreform“ an-strebten (Naturheilbewegung mit Wasser, Licht und Luft, die
Gartenstadtbewegung, Siedlungs-, Boden- und Kleiderreform bis zur (sonst zu oft behandelten) FKK-Kultur,
die verschiedenen Antialkoholbewegungen und die Bestrebungen für eine vegetarische Lebensweise
aus ethischen oder anderen Gründen). Hinzu kamen – von der Autorin nicht übergangen – die
Frauen und die Jugendbewegung, erste Yoga-Anhänger und andere „Entdeckungen“ aus dem indischen Raum
(Gandhi wurde schon früh zitiert) – sowie – geeint durch ihre Kritik an den Großkirchen: Theosophen
und Anthroposophen, deutsche Neu-Buddhisten oder Mazdaznan-Anhänger.
Die Autorin benennt als ihre methodischen Schwerpunkte Institutionen-, Diskurs- und Konsumgeschichte.
Die Darstellung der Organisationen und Institutionen der Lebensreform, der Reformwarenwirtschaft
und der Reformhäuser als dezentrales Gefl echt, als Netzwerk macht einen Hauptteil ihrer Arbeit aus. Im
Sinne moderner diskurstheoretischer Ansätze werden die Gesundheitsdiskurse „in ihrer polyphonen Vielfalt,
in ihrer schillernden Mischungen aus Be-ständigkeit und Brüchen“ mit bewundernswerter Beharrlichkeit
akribisch aus den zitierten Quellen herausgearbeitet, aber auch um psychologische und biographische Dimensionen
ergänzt. Interessante Aspekte der Kultur und Alltagsgeschichte bietet die Untersuchung des
Warenangebotes in den Reformhäusern (Beispiel: Die Konsumgeschichte des Rabenhorster-Traubensaftes).
Dieses Buch nimmt das Postulat „Gesundheit“ mentalitätsgeschichtlich
ernst. Es thematisiert auch die teilweise Okkupation und Instrumentalisierung der
Gesundheitsideen durch den NS-Staat und zeigt die weniger bekannten Schwierigkeiten deutlich auf,
nach 1933 Reformhäuser im Sinne der Lebensreformbewegung weiterzuführen. Im Vergleich zu fast
allen andern Berufen (Juristen, Ärzten, Journalisten u. a.) haben die Reformhausbetreiber in der Mehrzahl
sich nicht so einfach „gleichschalten“ lassen. Auch die gängige Etikettierung als „Sekten“
wird z.B. auf S. 172 zurückgewiesen, jedenfalls solange „Sekte“ noch stigmatisierend benutzt wird. Das unterscheidet
dieses Buch von Darstellungen anderer Art. Eindruckvoll wird die Diskriminierung der Vegetarier als „Himbeersaft-Studenten“,
„Gemüse-Heilige“ oder – am geläufi gsten – als
„Kohlrabi-Apostel“ durch die veröffentlichte Mehrheitsmeinung mit Quellen belegt. Deutlich
wird gezeigt, dass Hitler – S. 228f. – nicht einfach wie es modisch ist, als Vegetarier bezeichnet
werden darf. Die bedeutsame pazifistische Seite der vegetarischen Bewegung wird dargestellt
und auch, dass viel früher als andere die verschiedensten „Reformhauszeitschriften“ sehr kritisch
jede Nutzung der Atomkraft thematisierten, mehr Windenergie forderten und Autoabgase kritisierten
- viele Jahrzehnte vor den neuen EU-Abgasnormen. Auch die wirtschaftlichen Probleme der Reformhäuser
in den letzten Jahren werden thematisiert und als gewissermaßen paradoxe Auswirkung des Erfolges
der Lebensreformbewegung erklärt, deren Inhalte inzwischen Allgemeingut geworden sind. Denken
wir nur an den Fast-Sieg der Nichtraucherbewegung mit Hilfe von EU-Normen. Fast rührend zeigte mir
das jetzt ein alter Text einer lebensreformerischen Zeitschrift vor über 40 Jahren: Eine kleine Nichtraucherecke
in einem süddeutschen Cafe wird positiv herausgestellt.
Ich möchte mit Sätzen der Autorin diese Kurzrezension schließen: „Die Lebensreform ist zu einem Anbieter
unter vielen geworden. Ohne Defi nitionshoheit für den einst konstituierenden Begriff der Gesundheit hat
sie aufgehört, als Lebensreform zu existieren. Heute streben mehr Menschen als je zu vor nach einem
gesunden, eben gesünderen Leben. Die Hoffnung auf mehr Gesundheit führt an viele Orte, manchen
von ihnen mitunter in ein Reformhaus (S. 335)“. Ich muss hinzufügen: Auch diese Zeitschrift hier hat
die Funktion, die vielen alten, aber nie überholten Themen in neuer, aktueller Sprache zu diskutieren
und dadurch zeitlose Themen wie Gesundheit und (!) ethische Lebenspraxis harmonisch-ganzheitlich,
eben als für uns alle lebensnotwendig immer wieder neu zu erinnern (S. 299). Die hundert Jahre Lebensreformbewegung
stärken uns dafür.
Prof. Dr. Wolfgang Karnowsky, Fachhochschule Dortmund
