"Jonathan, du hast mein Leben ruiniert!"
„Zur Hölle mit Dir, Jonathan! Du hast mein Leben ruiniert! Jetzt kann ich kein Fleisch mehr essen!“
Der von Kritikern hochgelobte Jonathan S. Foer hat nach zwei Romanen ein Sachbuch veröffentlicht: In Eating Animals wird das qualvolle Leben der Tiere thematisiert, die in Amerika und anderswo zu Fleisch verarbeitet werden. Im Interview beleuchtet er die Hintergründe.Jonathan Safran Foer hat sich in Amerika einen Namen als Bestseller-Autor gemacht. Seine Bücher Alles ist erleuchtet und Extrem laut und unglaublich nah sorgten auch in Deutschland für hohe Absatzzahlen und erhöhte Medienaufmerksamkeit. Seit November ist sein neuestes Buch auf dem Markt: Eating Animals heißt es und ist leider noch nicht auf Deutsch verfügbar. Das Sachbuch brachte erhebliche Aufruhr in die Medienwelt, denn es thematisiert das qualvolle Leben der Tiere, die in Amerika (und in der ganzen Welt) zu Fleisch verarbeitet werden. Auch in Deutschland sorgte unter anderem ein FAZ-Interview für die nötige Aufmerksamkeit.
Tobias Leenaert von der Ethisch-Vegetarischen-Alternative (EVA) in Belgien hatte die Gelegenheit, dem Autoren einige Fragen zu seinem neuen Werk zu stellen. Foer sei, so schreibt Leenaert, ein kleiner, stiller und entspannter Typ, der viel Intelligenz ausstrahle. Er läuft in Jeans und Sneakers umher und wenn man ihn auf der Straße träfe, würde man nicht meinen, einem großen Stern am Literaturhimmel zu begegnen. Sein Erfolg als Romanautor ist wohl dafür verantwortlich, dass ein Sachbuch über ein so unerfreuliches Thema nun auch ein solcher Erfolg wurde.
Tobias Leenaert : Du hast das Buch geschrieben, um den Menschen zu zeigen, was es eigentlich auf sich hat mit dem Fleisch, das sie essen. Genau wie viele andere Vegetarier glaubst Du daran, dass viele Menschen weniger Fleisch essen würden, wenn Sie wüssten, wie ihr Steak und ihre Hühnerbrust produziert würden. Was jedoch merkwürdig ist: Die Fleischindustrie in den USA scheint vom Gegenteil überzeugt. Ein Sprecher sagte kürzlich, wenn die Kunden die Menschen träfen, die hinter dem Fleisch steckten, würden sie die Produkte viel überzeugter kaufen.
Jonathan Safran Foer: Das ist einfach irreführend. Erstmal meint der Sprecher doch ,Wenn sie die Bauern treffen würden‛. Er sagte nicht: ,Wenn sie die Praktiken mitbekommen würden.‛ Das ist eine ganz andere Geschichte. Die erlauben den Leuten nicht zu sehen, was sie da tun. Wenn sie wirklich an so etwas glauben würden, müssten sie Führungen durch ihre Fleischfabriken anbieten – oder zumindest verhindern, dass es einem terroristischen Akt gleichkommt, eine Fabrik zu betreten.
Verstehe ich das richtig: Du hast versucht, Fleischfabriken zu betreten, aber niemand hat Dich eingelassen?
Sagen wir, ich habe um die 150 Briefe geschrieben. Darauf habe ich vielleicht 10 Antworten erhalten. Die sprachen von Sicherheitsvorschriften oder schrieben Sachen wie: “Sorry, wir machen das grundsätzlich nicht.” Also: Ja, niemand hat mich eingelassen.
Du schreibst zu Anfang Deines Buches, dass niemand sich wirklich über seinen Fleischkonsum Gedanken machen möchte. Dabei gibt es so viele fortschrittliche und wohlmeinende Menschen, die viele gute Sachen tun, aber sie ignorieren das Thema des Fleischessens. Woran, denkst Du, liegt das?
Ja, das stimmt, solchen Leute begegne ich ständig. In Bezug auf eine Erklärung, nun ja, es ist nicht gerade populär, sich über Fleischessen Gedanken zu machen. Die Menschen haben den Hang, sich über das Gedanken zu machen, über das sich alle gerade Gedanken machen. Zweitens denke ich, dass den Leuten die Folgen bewusst sind. Je vehementer sich jemand dagegen wehrt, über das Thema zu sprechen, umso mehr kann man davon ausgehen, dass er weiß, dass er sich ändern muss oder sich seine eigene Heuchelei eingestehen. In den meisten Fällen wollen die Leute weder das eine noch das andere. Also ignorieren sie das Thema und hoffen, dass es sich von selbst in Luft auflösen wird.
Oder Sie versuchen, dass Thema wegzudiskutieren. Eine der wohl anerkanntesten Literaturkritikerinnen, Michiko Kakutani, schrieb eine sehr negative Kritik in den New York Times. Sie benutzte ein hinlänglich bekanntes Argument, nämlich die Frage, wie man sich ernsthaft Sorgen um Schweine und Hühner machen könnte, wenn Beispielsweise Malaria etwa eine Million Menschen pro Jahr tötet – die meisten davon Kinder.
Das ist zum Glück wirklich die einzige schlechte Rezension des Buches in den USA. Es ist schade, dass es ausgerechnet in der New York Times war. Wenn ich die Rezension als Aufsatz in der Schule eingereicht hätte, hätte ich eine schlechte Note dafür bekommen. Ich bin sicher, dass sich intelligente Gegenargumente gegen mein Buch finden lassen, aber das war keines.
Kannst Du ein Beispiel nennen für ein intelligentes Gegenargument?
Beispielsweise könnte man eine Diskussion über Armut beginnen und über die Art, wie das Lebensmittelsystem aufgebaut ist und dass es viele Menschen gibt, die keinen Zugang zu alternativen Ernährungsformen haben. Viele Leute in den USA können sich nur Junkfood leisten. Dass ist natürlich kein gutes Argument, geschweige denn eine Entschuldigung, aber es gibt Stolpersteine. Zumindest könnte man darüber diskutieren.
Du hast wiederholt gesagt, dass Dein Buch nicht automatisch zum Vegetarier machen soll. Du redest darin hauptsächlich über die Art und Weise, wie wir Tiere für unser Essen behandeln, aber Du schreibst nichts über das Schlachten an sich.
Tierrecht ist eine Sache, die diskutiert werden kann. Ich bin überzeugt davon, dass meine Thesen in Eating Animals Thesen sind, auf die wir uns alle verständigen müssen. Wenn es jedoch darum geht, Tiere zu töten oder auch nicht, dann betreten wir weniger objektiven Boden. Dort müssen wir in unserem Unterbewusstsein nach Recht und Unrecht forschen. Ich habe meine eigenen Gefühle bei der Sache. Die werden reflektiert in der Tatsache, dass ich niemals Fleisch essen würde, vom besten Bauernhof der Welt nicht, aber das würde ich nie als objektiv diskutieren.
Man kann also nicht sagen, dass Töten generell etwas schlechtes ist?
Tiere töten ist nichts, bei dem man dabei sein möchte. Aber wenn wir mal von einem wirklich guten Bauernhof ausgehen, dann sprichst Du vom Recht des Tieres auf Leben, was irgendwie merkwürdig klingt.
Als ich für meinen Roman recherchiert habe, bin ich zu Bauernhöfen gegangen und es fiel mir schwer, meinen Gesprächspartnern begreiflich zu machen, was an ihrem Tun verwerflich ist. Ich denke nicht, dass die Moralfrage hier die entscheidende ist. Das führt zu nichts. Stattdessen sollten wir uns auf die Sachen berufen, denen jeder sofort zustimmt. Fast jeder stimmt der Tatsache zu, dass Tiere für unser Essen getötet werden dürfen. Aber wenn Du fragst, ob es in Ordnung geht, dass die Tiere sich zuvor kaum bewegen oder sich durch Überzüchtung nicht mehr sexuell fortpflanzen können, dann stellt sich heraus, dass eine große Mehrheit der Menschen nicht damit einverstanden ist, was 99 % der Fleischindustrie tut.
Aber wenn wir über das Töten von Menschen reden, dann ist jedem bewusst, dass das falsch ist.
Nicht alle Lebewesen sind gleich oder als gleich zu behandeln. Hast Du schon mal eine Kakerlake zertrampelt – oder eine Biene, die Dir vor dem Gesicht herumfliegt? Wenn Du Dir vorstellen könntest, eine Mücke zu erschlagen, hast Du eine Grenze gezogen. Nicht immer aus gutem Grund. Eine Mücke hat offensichtlich einen Lebenswillen. Sie möchte nicht getötet werden, und wenn Du sie tötest, dann machst Du sie zu einem niederen Lebewesen. Ich glaube, viele Menschen sagen, dass Menschen qualitativ anders sind. Ich weiß nicht, ob ich dem zustimmen würde, aber ich würde eine Mücke töten. Das ist ein schwieriges Thema.
Dennoch scheinen wir das Töten als Tabu anzusehen. Den Menschen gefällt das Töten nicht. Kann das irgendwas zu bedeuten haben?
Die meisten Leute in Schlachthäusern haben offensichtlich kein Problem mit dem Töten. Wir müssen einsehen, dass die Mehrheit der Menschen kein Problem damit hat, Tiere zu töten, auch wenn sie vielleicht nicht dabei sein will, wenn es passiert, genauso wenig wie sie bei einer Operation dabei sein will. Es gibt nur wenige Menschen, die bei einer Operation an einem Menschen dabei sein wollen, aber das bedeutet nicht, dass Operationen generell schlecht sind. Blut, Organe, Anatomie...das lässt uns alles sehr unbehaglich werden.
Du schreibst auch von Frank Reese, einem Bauern, der dem Ideal Deines Bauernhofes wohl am nächsten kommt. Er sorgt sich sehr um seine Tiere. Denkst Du nicht, dass er Schwierigkeiten damit hat, die Tiere zu töten, wenn er sie doch vorher so fürsorglich behandelte?
Doch, das hat er! Er weint, wenn er darüber redet!
Ist das nicht merkwürdig?
Ja, das ist es. Er ist ein merkwürdiger Typ. Es gibt nicht viele Bauern wie ihn.
Was ist Deine Vision für die Zukunft? Wohin werden sich die Dinge wenden?
Ich halte es für ziemlich wahrscheinlich, dass in zehn Jahren die meisten Mahlzeiten vegetarisch sein werden. Ich meine damit nicht, dass die meisten Menschen Vegetarier sein werden, sondern dass die meisten Mahlzeiten vegetarisch sein werden. Man wird auf den Menükarten der Restaurants die Anzahl der Fleischgerichte und die der vegetarischen Gerichten im Gegensatz zu heute umkehren. Es wird in der nicht allzu weit entfernten Zukunft eine Zeit geben, in der wir über Fleisch so denken werden wie heute über Zigaretten. Die Leute werden sich ein wenig schämen, wenn sie Fleisch essen, und sich vielleicht ein wenig ekeln. Sie werden nicht mehr so offen und so schamlos Fleisch essen wie heute.
Hältst Du es für möglich, dass wir dann nur noch solche Bauernhöfe haben werden wie die von Frank Reese?
Nein, denn Bauernhöfe dieser Art werden nie mehr Fleisch produzieren können als für einige wenige Menschen. Das wichtige ist, daran zu arbeiten, dass weniger Fleisch gegessen wird. So, wie ihr das hier gemacht habt mit dem Vegetarischen Tag. Nebenbei: Wie habt ihr das geschafft?
Du erwähnst in Deinem Buch, dass Ernährungsgewohnheiten tiefe kulturelle Wurzeln haben. Weniger Fleisch geht also mit einem kulturellen Wandel einher. Wie denkst Du, ist dieser kulturelle Wandel zu bewältigen, ohne einen kulturellen Identitätsverlust zu riskieren?
Du verlierst etwas, aber Du ersetzt es. Bei uns gab es immer Truthahn an Thanksgiving, und jetzt gibt es eben keinen mehr. Die Gespräche, die wir nun führen, wenn wir erklären, dass es bei uns keinen Truthahn mehr gibt, sind kulturell viel interessanter und wertvoller als der Truthahn es jemals sein konnte.
Was denkst Du, muss passieren, um so schnell wie möglich Fortschritte zu erzielen?
Ich glaube, wir müssen von dieser Absolutheits-Diskussion weg. Die Bezeichnung “Vegetarier” sollte nicht mehr identitätsstiftend sein. Wenn ich Vorträge halte, komme die Leute im Anschluss zu mir und erzählen, sie seien seit vier Tagen Vegetarier, seit sie mein Buch gelesen haben. Ich bin dann immer geneigt, zu sagen: Iss einmal in der Woche Fleisch. Du kennst diese Leute, die fünfzehn Jahre lang Vegetarier waren. Du fragst sie, was passiert ist und sie sagen, na ja, ich war am Flughafen, und es gab nichts vegetarisches, also hab ich Hühnchen gegessen und seither esse ich wieder Fleisch. Wozu soll das gut sein? Das passiert, wenn Leute sich dem Vegetarismus verpflichtet fühlen.
Gab es Reaktionen auf Dein Buch von Prominenten?
Nathalie Portman las das Buch und ernährt sich seither vegan. Und Judd Apatow, der Regisseur von Filmen wie Knocked up und Funny people schrieb mit eine E-Mail und sagte:„Zur Hölle mit Dir, Jonathan! Du hast mein Leben ruiniert! Ich liebte Fleisch und jetzt werde ich keines mehr essen!“
Was war die interessanteste Reaktion, die Du von der Fleischindustrie erhalten hast?
Na ja, deren Reaktion war nur in sofern interessant als dass überhaupt keine erfolgte. Die haben überhaupt nicht reagiert. Zum einen natürlich, weil sie nichts gegen meine gut recherchierten Fakten sagen können. Zum anderen wissen sie, dass eine Fortführung der Diskussion das schlimmste ist, was sie sich antun können. Ihr Geschäftsmodell basiert darauf, dass Menschen nicht darüber nachdenken, was sie essen.
Du hast das Buch geschrieben, weil Du Deinem Sohn erklären musstest, wieso Du Dich so ernährst, wie Du Dich ernährst. Deine Kinder leben vegetarisch. Was erwiderst Du Menschen, die Dir vorhalten, Deinen Kindern Deine Ernährungsweise aufzuzwingen?
Jeder tut das. Jeder fällt eine solche Entscheidung, auch wenn die Entscheidung meist gar keine ist.
Foto: David Shankbone
Übersetzung: Katja Angenent, mit freundlicher Genehmigung von Tobias Leenaert





