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Erwachendes Fleisch. Erfahrungen eines Vegetariers

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Es fing harmlos an. Ich lebte allein und aß gern vor dem Fernseher – am liebsten Fleisch. Dann konnte es vorkommen, dass ich, in der einen Hand die Gabel, in der anderen die Fernbedienung – zapp – in einer Sendung über einen Schlachthof landete. „Nicht gerade appetitlich“, dachte ich und – zapp – war ich wieder draußen und aß genüsslich weiter. Eine Weile funktionierte das.

 

Wochen später stand ich bei meiner Metzgerin und suchte mir einen guten Bissen aus, als mir plötzlich wieder diese ekelhafte Schlachthof-Sendung in den Sinn kam. Einen Moment lang dachte ich daran, den Fleischkauf abzubrechen, aber ich kannte mich ja: Sobald der Geruch von gebratenem und gewürztem Fleisch in meine Nase steigen würde, wären die Bilder verschwunden. So war das immer. Aber diesmal war es anders. Beim Anbraten verging mir der Appetit und ich sah riesige Tieraugen vor mir – in mir. Aber ich wusste, dass der köstliche Geschmack des ersten Bissens diese Bilder vertreiben würde. So war es auch.  


Weitere Wochen später kam ich an einem Grill­hähn­chenstand vorbei und der un­vergleichlich herrliche Duft von gebratenen Hähnchen stieg mir unwiderstehlich in die Nase. Minuten später biss ich in das zarte, weiße Fleisch mit der delikaten Knus­perhaut. Das weiße Fleisch blieb mir im Hals stecken, als ich in meinem Kopf das erbärmliche Schreien der Hühner hörte – ich sollte besser so sagen: Von innen schlugen, kratzten, kreischten und hämmerten Tiere an meine Schädeldecke. Ich spuckte das Fleisch aus. Noch Tage später hörte das Schreien, Blöken, Kratzen und Starren der Lämmer, Rinder und Hühner nicht auf. Ekel überkam mich und es war, als würden alle diese Tiere, die in der Zukunft eigentlich noch auf meinem Speiseplan standen, aufstehen und mir ihren zukünftigen Schmerz und ihr Leiden von innen entgegenbrüllen.

 

Leid der Unschuldigen

Was ich hier in wenigen Zeilen zusammengefasst habe, zog sich in Wirklichkeit über ein halbes Jahr hin und endete mit dem Tag am Hähnchenstand – danach habe ich nie mehr ein Stück Fleisch gegessen. Ich bin also Vegetarier geworden (was ich nie vorhatte) und fühle mich gesundheitlich seither besser denn je. Aber das ist nicht das Entscheidende. Das Ent­scheidende ist, dass zumindest meine Lämmer schweigen. Meine Hühner schreien nicht mehr und meine Kühe starren mich nicht mehr an. Trotzdem bleibt der Schmerz all dieser Tiere in mir und wird größer, denn sie stehen ja weiterhin auf der Speisekarte der Menschheit. Es ist der ratlose Schmerz und das verständnislose Leid der Unschuldigen. Wenn uns Menschen ein Unglück widerfährt, dann kann uns wenigstens irgendeine metaphysische Vorstellung oder sonst ein Erklärungsmuster retten.

Wir retten uns, indem wir das Leid in ein System von Erklärungen einfügen. Tiere ordnen nichts ein, sie leiden nur in ratloser Unschuld.

Wenn ich in der letzten Phase meiner Fleischzeit dieses Fleisch aß, dann war mir, als kaute ich bei jedem Bissen auf Leid, als versuchte ich, Unverdauliches zu verdauen: die körperlichen Schmerzen und die seelische Hilflosigkeit von Tieren.

Was ich hier schildere, ist mehr oder weniger eine der üblichen Biografien von Vegetariern, die irgendwann einen natürlichen Ekel vor dem Verzehr von Fleisch empfinden, nichts Besonderes also. Seit es Vegetarier gibt, gibt es (neben der gesundheitlichen, religiösen und ökologischen Motivation) solche persönlich-ethischen Begründungen.

 

Was lebt, das wächst – auch die Kuhseele

Oft wurde mir gesagt, ich könne doch biologisch oder biologisch-dynamisch erzeugtes Fleisch essen, da würden Tiere ein Leben lang tiergerecht leben und schließlich auch unter würdigen Bedingungen geschlachtet. Abgesehen von der Frage, was „würdiges Schlachten“ ist, gibt es etwas, das mich bei Bio-Fleisch noch mehr abstößt. Ich habe es probiert: Tatsächlich schmeckt Bio-Fleisch weniger nach Angst, Leid und Schmerz. Aber dafür ist etwas viel Furchtbareres in diesem Fleisch – etwas, das mich so zurückschrecken ließ, dass ich mich des Kannibalismus schuldig fühlte. In diesem Fleisch war mehr Bewusstsein und höhere Seele als in jedem anderen Stück Fleisch, das ich jemals gegessen hatte. Ich habe anschließend lange und intensiv darüber nachgedacht, wie das möglich ist, und komme für mich zu folgendem Schluss: Gerade auf biologisch-dynamischen Höfen pflegt man eine intensive, oft persönliche Beziehung zu Tieren – ich habe erlebt, dass dort Gottesdienste für Tiere gefeiert wurden und für Tiere gesungen wurde. Ich war dabei, als nicht nur die Milchkühe, sondern auch das Schlachtvieh Namen bekam und die Tiere gestreichelt und mit zärtlichen Worten bedacht wurden. Ganz nah, ganz eindringlich lebt man hier mit seinen Tieren. Gerade Bauern auf biologisch-dynamischen Höfen wollen sich tief mit den spirituellen Zusammenhängen ihres Berufes verbinden und sie betrachten Tiere als Wesen mit Würde. So wächst und entwickelt sich auch das Bewusstsein der Bauern dynamisch.

 

Was das mit dem Tier zu tun hat? Alles, was lebt, wächst. Die lebendige Seele des Tieres ist nichts Starres, das ewig auf der gleichen Stufe der Evolution stehen bleibt – auch Tiere entwickeln sich, auch die Seele einer Kuh ist heute weiter als vor 800 Jahren. Es ist sogar ein charakteristisches Motiv für biologisch-dynamische Bauern, dass sie einen Beitrag dazu leisten wollen, dass die Tiere seelisch wachsen – der Bio-Dyn-Bauer will sein Bewusstsein erweitern und alle Bereiche seiner Arbeit damit durchdringen.

Je näher ein Tier dem Menschen ist, desto mehr nimmt es vom Menschen an – ein bekanntes Phänomen für alle, die Haustiere haben. Tiere, die so intensiv mit Menschen zusammen sind, die sich gezielt und kontinuierlich geistig-seelisch weiterentwickeln, diese Tiere wachsen auf der Spirale der Seelenevolution ebenfalls stärker. Wenn für Tiere gesungen wird, wenn man mit Tieren Gottesdienste feiert und sie beim Namen nennt, wenn das alles von Menschen gemacht wird, in deren Seele ein Bewusstsein vom kosmischen Zusammenhang aller Wesen existiert, wenn dies über Jahre und Generationen in Liebe vollzogen wird, ja glaubt denn einer, dass dies ohne Folgen für die Seele der Tiere ist? Glaubt denn einer, dass eine Kuh oder ein Schwein kein wachsendes Bewusstsein entwickelt? Natürlich nicht auf der menschlichen Stufe des hohen Selbstbewusstseins, aber doch ein wachsendes Bewusstsein – denn in Wirklichkeit gibt es nichts auf der Welt, in dem kein Bewusstsein lebt, und nichts, was nicht wächst und erwacht. Auch das Kuh-Bewusstsein, auch die Schweineseele, sie erwachen – ganz allmählich, überaus subtil, aber doch wahrnehmbar. Sie erwachen und wachsen, je rascher und je intensiver sie mit geistig-seelisch erwachenden Menschen leben und kommunizieren.
 

Auf einem Demeter-Hof erwachen die Lämmer und die Kühe schneller als anderswo. Und das kann man auch schmecken. Ich finde, erwachendes Fleisch schmeckt unerträglich. Derzeit kommen in Deutschland jede Woche 4000 neue Vegetarier hinzu. Wir sind keine blassen Moralisten, aber wir haben Geschmack und finden es zunehmend geschmacklos, Fleisch zu essen. Die Seele isst die Seele mit. Die Notwendigkeit des Vegetarismus ist etwas, was nicht nur mit dem wachsenden menschlichen Bewusstsein zu tun hat, sondern vor allem mit dem inneren Wachstum der Tiere. Nie waren sie uns näher, nie war das Wort vom „Bruder Tier“ wahrer. Wir sollten, statt sie zu essen, auf sie hören: Sie könnten uns etwas zu sagen haben. Etwas, das mit Erwachen zu tun hat.
 

© Sebastian Gronbach, 2008

 

Dieser Beitrag erschien im VEBU-Magazin NATÜRLICH VEGETARISCH, Ausgabe 4/2008 sowie erstmals auch auch in Info3 04|08, Anthroposophie im Dialog, Abdruck mit freundlicher Genehmigung vom Autor und  Info3-Verlag, www.info3.de

  

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Zum Autor
Sebastian Gronbach wurde 1969 in Köln geboren und ist seit 2001 Autor und Redakteur der Zeitschrift «info3 – Anthroposophie im Dialog» sowie für verschiedene andere Publikationen tätig. Er ist als Seminarmacher und Vortragsredner vielerorts unterwegs. Im Verlag Freies Geistesleben erschien sein Buch «Missionen. Geist bewegt – alles». Genaue Infos und viel Lesenwertes von und somit über Sebastian Gronbach unter: anthronrw.blogspot.com

 

 

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